Mérida, Venezuela - Teil 2

Freitag, 5. Oktober

Los Paramos

Über das Wochenende mache ich einen viertägigen Ausflug nach Los Llanos, einer riesigen Savannenlandschaft. Sie ist mit 300'000 Quadratkilometern siebenmal so gross wie die Schweiz. Kein Hügel erhebt sich mehr als einige Meter über die Ebene, die sich in den Orinoco entleert. In der Regenzeit ist sie mehr als zur Hälfte überschwemmt, doch in der Trockenzeit führen nur ganz wenige Flüsse Wasser. Kein Wunder, ist sie einer der weltgrössten Lebensräume für Amphibien und eine unendliche Weidelandschaft.

El más bueno equipo del mundo

Früh am Morgen treffen wir uns bei extreme adventours: Gema und Anna, zwei Rasta Girls aus Spanien auf einer einjährigen Lateinamerikareise, Jordi und Marta aus Spanien auf ihren Flitterwochen, Thomas, Student aus Deutschland auf einer einmonatigen Venezuelareise, Allert aus Holland auf einer zweijährigen Weltreise, Horatio, unser ewig hungriger Rumäne, auf einer einjährigen Lateinamerikareise und ich als Grufti der Gruppe. Tony der Guide und Jarvey der Fahrer bringen uns über den Los Paramos Nationalpark auf 3’500m.ü.M. sicher nach Los Llanos, wo Tony erstmals sein Spähertalent beweist und einen Brüllaffen in einem Baum entdeckt.

Los Llanos Camp

Auf den letzten Kilometern zum Camp wimmelt es nur so von Kaimanen, einer rund zwei Meter langen Süsswasserkrokodilart. Unser Camp ist einfach und wir schlafen zu sechst in Hängematten in einem Gemeinschaftsraum. Nur unsere Hochzeitsreisenden haben einen eigenen Raum. Ob ich in der Hängematte gut schlafen werde? Das Camp liegt idyllisch an einem Fluss, in dem wir vor dem Nachtessen in Begleitung von Süsswasserdelfinen baden gehen. Die Süsswasserdelfine haben eine ganz verkümmerte Rückenflosse, weil sie sie nicht brauchen und sind rosa von den Pigmenten der Piranhas, ihrem Lieblingsfressen. Wir gehen erst schwimmen, nachdem uns Tony versichert hat, dass es hier keine Piranhas gibt!

Samstag, 6. Oktober

Schildkröten

Ich habe in der Hängematte überraschend gut geschlafen. Wäre es beim Einschlafen nicht so heiss gewesen, hätte ich sogar sehr gut geschlafen. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Perico (Rührei mit Tomate und Zwiebel – ich liebe es) gehen wir mit dem Boot auf eine erste Pirschfahrt. Wir sehen viele Delfine, die sich aber nie lang genug für ein gutes Foto zeigen, Schildkröten, Leguane, Wasserschweine (die grössten Nagetiere der Welt) und Dutzende Vogelarten wie Fischadler, Ibis, Reiher und Geier.

Anakonda

Nach einem feinen Mittagessen machen wir ausgiebig Siesta und gehen am späteren Nachmittag mit dem Jeep auf eine weitere Entdeckungsfahrt. Auf dem Dach des Jeeps haben wir eine super Aussicht und es geht nicht lange, bis uns Tony und das Guideteam uns eine Anakonda zeigen. Das ganze Camp ist ein Familienunternehmen, der Vater organisiert, die beiden Töchtern kochen und kümmern sich um das Camp und die drei Söhne unterstützen Tony beim Suchen (und Fangen) der Tiere. So sehen wir die Anakonda, die mit bis zu 19m weltgrösste Schlange, nicht nur, sondern können sie auch berühren.

Kaiman

Nachher fangen sie einen Kaiman, den wir stolz der Kamera präsentieren dürfen, aber nicht bevor ihm die Schnauze zugebunden wurde! Aus einigen Metern Distanz sehen wir den zwei Meter grossen Ameisenbär, das Tier, das man hier nur ganz selten zu Gesicht bekommt. Er frisst eineinhalb Kilo Ameisen pro Tag. Wie viele das wohl sein werden?

Sonntag, 7. Oktober

Hoch zu Pferde

Früh am Morgen reiten wir quer über die Savanne. Anfänglich doch sehr zögerlich, fühle ich mich im Laufe der nächsten zwei Stunden etwas wohler im Sattel, getraue mich auch ihn loszulassen und geniesse sogar die längeren Galoppeinlagen. Doch so richtig harmonisch fühle ich mich hoch zu Pferde nie. Eine Harmonie, die ich mit Blue Bie während dem letzten Jahr doch sehr intensiv erlebt habe. Es ist schon sehr schön zu spüren wie stark Blue Bie und ich über das letzte Jahr zusammengewachsen sind! Nach dem Ausritt fischen wir mit einer einfachen Handleine Piranhas und es vergehen keine 10 Minuten bis jeder von uns mindestens einen Piranha gefangen hat. Der Trick ist den Haken sofort anzureissen, wenn der Piranha knabbert. Sonst ist der Köder weg.

Piranha

Nach einer weiteren ausgiebigen Siesta gehen wir am späteren Nachmittag wieder auf Safari. Die Luft ist ein wenig draussen und wir sehen ausser vielen Vögeln nicht viele Tiere. So können wir die eindrückliche Wasserlandschaft und den Sonnenuntergang umso mehr geniessen. Es ist wirklich eine grossartige Landschaft. Am Abend geben uns Tony und einige Nachbarn eine Kostprobe ihres Gesangskönnens und so vergeht der Abend im Flug. So schön die Landschaft ist, so einsam ist es hier: Der nächste Laden ist eine Stunde weg und am Abend kann man gar nichts unternehmen. Das Licht ist so schwach, dass man nicht einmal lesen kann. Kein Wunder haben die Familien zwischen fünf und acht Kinder :)

Montag 8. Oktober

Tony mit Leguan

Noch vor dem Frühstück machen wir uns auf den Weg zum River Raften in den angrenzenden Bergen. Doch wie überall in Venezuela sind die Distanzen riesig und wir kommen erst gegen 11.00h an. Wir machen das Boot bereit und stürzen uns in die Fluten. Es macht riesig Spass, den Fluss mit der Schwierigkeitsstufe 3.5 hinunter zu gleiten und paddeln.

Nach ein paar Tagen sind wir ein ganz gut eingespieltes Team und kennen unsere Macken. Ich spüre wie sehr ich dass Alleinsein geniesse und bei aller Gesellschaft immer wieder Zeit für mich brauche. Zeit die ich mir in der Gruppe aktiv nehmen muss. Die Heimfahrt im Jeep ist lustig und Tony singt viel. Noch bin ich mit meinem Spanisch zu wenig weit um mich an einer Unterhaltung ungezwungen zu beteiligen. Lediglich auf gezielte Fragen kann ich halbwegs reagieren. Schade, sonst hätte ich mich sicher noch mehr in die Gruppe einbringen können. So war ich ein doch sehr ruhiger Teilnehmer. Doch das Naturerlebnis hat dafür mehr als entschädigt!

Dienstag - Freitag, 9. - 12. Oktober

Los Llanos Stimmung

Ich freue mich über meine Fortschritte im Spanisch und beim Alphornspiel. Doch ich bin noch weit entfernt davon, flüssig zu sprechen. Doch das müsste ich hinkriegen, wenn ich noch länger im spanischen Sprachraum verbringe. So überlege ich je länger je mehr, im Februar von Aruba den Umweg über Kuba, Guatemala, Honduras, Nicaragua und Costa Rica nach Panama zu machen. Um nicht zu früh im Pazifik zu sein, könnte ich dort die Blue Bie über den Sommer auszuwassern und mit dem Rucksack Ecuador, Bolivien, Peru und Chile erkunden. Wenn das so weitergeht, geht meine Weltumsegelung nicht so bald zu Ende! Nicht, dass mich das stört, doch es ist schon ein grosser Unterschied im Vergleich dazu, wie es mich vor einem Jahr drängte den Atlantik zu überqueren!

Auch im Alphornspiel komme ich weiter. Bei allem Fortschritt ist die Atemtechnik schwierig: Entweder konzentriere ich mich auf die richtige Atemtechnik und dann kommen die Töne schief oder ich konzentriere mich auf die Töne und dann habe ich zuwenig Druck für einen guten Klang. Da brauche ich schon noch viel Übung bis sich die Atemtechnik sich automatisiert.

Am Dienstag komme ich mit einer Venezuelanerin in das Gespräch, die ich im Internet Café schon einige Male gesehen habe. Sie möchte ihr Englisch verbessern und ich mein Spanisch und wir verabreden uns am Mittwoch zum Nachtessen. Neben viel Spanisch habe ich auch das hervorragende Sushi genossen. Am Freitag ist Nationalfeiertag in Venezuela. Ganz Lateinamerika feiert seine ‚Entdeckung’ durch Kolumbus, nur Venezuela feiert den Aufstand der Indios. Simon Bolivar, der um 1800 Venezuela von den spanischen Kolonialherren befreite, ist der grosse Nationalheld und der Namensgeber der bolivarischen Republik Venezuela. Wer ist da überrascht, dass Präsident Chavez eine eigene, um 30 Minuten verschobene Zeitzone für Venezuela will, und auch sonst ganz schön Starallüren zeigt. Etwas vernünftiger scheint die Einführung des ‚Bolivar Fuerte’, bei dem drei Nullen gestrichen werden; heute kostet ein Kaffee 1'000 Bolivar. Noch besser wäre es, wenn gleichzeitig die Inflation gestoppt würde!

Samstag, 13. Oktober

Heute ist wieder einmal so ein richtiger Tag zum Nichtstun. Ich frühstücke dreimal: zu Hause Müesli und Ei, im Fruchtsaftgeschäft einen Orangensaft und anschliessend Kaffee und Brötchen in der Bäckerei. Dann spiele ich Alphorn, gehe Geldwechseln (der Bolivar wird immer schwächer und ich kriege schon fast 10% mehr Bolivar pro Dollar als noch vor fünf Wochen) und organisiere eine Canyoning Tour für Sonntag. Am Abend gehen Tim, ein amerikanischer Pilot, mit dem ich mich über die letzten Tage gut unterhalten habe, Sushi essen.

Sonntag, 14. Oktober

Weil ich die Familie nicht für die ganze Zeit im Voraus bezahlt habe, hat die Schule für die nächste Woche jemand anders in die Familie eingebucht. Nach 5 Wochen Familie ist es mir ganz recht wieder einmal anders zu wohnen und ich zügle in die Posada Alemania. Anschliessend gehe ich auf eine Canyoning Tour. Sie ist wirklich toll und ich weiss nicht, was ich mehr geniesse: den tropischen Regenwald anzuschauen, ausgewaschene Rinnen herunterzurutschen, von Felsen in enge Pools hineinzuspringen oder über bis zu 35m hohe Wasserfälle abseilen. Dass Sarah aus unserer Posada sich einige Tage vorher auf derselben Canyoning Tour das Bein gebrochen hat die Vorfreude schon etwas gedämpft. Ich war etwas verkrampft und habe prompt meine grosse Zehe geprellt. Hoffentlich werde ich nicht allzu lange darunter leiden.

Nach der Tour gehe ich mit einigen 20-jährigen Backpackern einen Kaffee trinken. Es war schon ein sehr belangloses Gespräch und ich hatte schon lange nicht mehr das Gefühl, eine Stunde so vergeudet zu haben! Doch ich geniesse es, mich von aussen beobachten zu können und zu spüren wie ich auf verschiedene Situationen und Leute reagieren.

Montag - Freitag, 15. - 19. Oktober

Abend in der Posada

Eine schlechte Woche in der Posada: Kaum konnte Sarah mit ihrem gebrochenen Bein eine frühere Heimreise organisieren, trifft Irene in der Posada ein – auch mit einem gebrochenen Bein. Sie hat sich beim Herumalbern mit ihrer Freundin in Los Llanos das Bein gebrochen und muss operiert werden. Ich gebe ihr meine Bücher für den Spitalaufenthalt! Später in der Woche starten Gleitschirmpiloten mit einem deutschen Pärchen beim Tandemflug in ein aufziehendes Gewitter und können nur knapp sicher landen – in einem Kakteenfeld! Kein Wunder spielt der Posada- und Reisebürobesitzer alles ein wenig herunter, um seinen Ruf zu bewahren.

Ich weiss nicht, ob die alten Kolonialherren beim Bau der Gebäude an den vielen zukünftigen Verkehr gedacht haben. Doch die geschlossenen Aussenmauern mit Räumen auf den Innenhof halten auch den Verkehrslärm und Gestank draussen. Mein Zimmer in der Posada ist zwar nicht grösser als in der Gastfamilie, aber es hat doch ein paar Aufenthaltsecken, Tische und Hängematten mehr und ich geniesse es zu relaxen. Doch es ist mir fast zu viel los und ich muss mich immer wieder ein wenig abgrenzen, um meine Ruhe zu haben. Doch im Moment ist es eine gute Gruppe die sich immer wieder trifft: Stefan & Angelika, die ‚Gleitschirmler’, Irene mit dem gebrochenen Bein und ihre Freundin Beate und Uschi, die Wienerin die zwar nicht in der Posada wohnt, aber mit in der Sprachschule ist.

Druckmaschine

Ich habe mir diese Woche einen lang gehegten Wunsch (oder eine Pendenz) erfüllt und Blue Bie Business Karten drucken lassen. Natürlich passt mein schon lange vorbereitetes Logo nicht und ich muss es in zwei Nachtschichten neu erstellen. Zum Layouten hat der Drucker einen PC mit modernster Software verwendet. Gedruckt wurden die Karten auf einer uralten Druckpresse. In der Schule und der Posada spiele ich zur Freude der Anwesenden ab und zu Alphorn. Es macht Spass, anderen eine Freude zu bereiten!

Samstag, 20. Oktober

Heute möchte ich mit meiner Spanisch Privatlehrerin etwas unternehmen, doch sie ist nicht wie vereinbart zu Hause. So fahre ich unverrichteter Dinge wieder nach Hause und mache einen gemütlichen Tag in der Posada. Viele Reisende machen von Mérida aus diverse Ausflüge, ehe sie weiter reisen. So sehe ich immer wieder alte Bekannte und es gibt viel zu erzählen und zu lachen. So verbringe ich den Nachmittag und das Abendessen mit Leuten aus der Posada. Es gibt hier wirklich immer Gesellschaft!

Sonntag, 21. Oktober

Teleferico

Heute habe ich das touristische Pflichtprogramm in Mérida gemacht und bin mit der Seilbahn auf den Pico Espejo gefahren. Dieser ist ein Nebengipfel des Pico Bolivar, dem mit 5’007m.ü.M. höchsten Berg Venezuelas. Die Seilbahn auf den Pico Espejo ist mit 12.5km die längste und mit der Bergstation auf 4’765m.ü.M. höchste Seilbahn der Welt. Zudem ist sie die erste Seilbahn mit sechs Dreiersitzbänken meines Lebens. Es hat sehr viele Leute und um die zweite Bahn um 8.30h zu erwischen, muss ich um 6.15h anstehen! Die Fahrt und die Aussicht sind nicht besonders atemberaubend und auch der wenige Schnee auf dem Gipfel hat mich weniger fasziniert als die Venezuelaner. Ich bin fast der einzige Ausländer und kann so viel Spanisch sprechen.

4'765 m.ü.M.

Ich lasse es mir nicht nehmen auf dem Gipfel des Pico Espejo Alphorn zu spielen. In dieser Höhe habe ich noch nie gespielt, doch es geht erstaunlich gut und ich habe viele Zuhörer. Ich habe das Gefühl, ich brauche mehr Druck für die gleichen Töne wie auf Meereshöhe.

Montag - Freitag, 22. - 26. Oktober

Uschi's Leidenschaft

Schon bricht meine letzte Woche in Mérida an. Unglaublich, wie schnell die Zeit verflogen ist. Gerade die letzten zwei Wochen in der Posada habe ich mich sehr wohl gefühlt. Es sind spannende Leute hier und wir haben viele interessante Gespräche.

Am Dienstag zieht zum ersten Mal andere Luft nach Mérida: Trockener und sehr aromatisch. Ist dies das Ende der Regen- und damit Wirbelsturmzeit? Auf alle Fälle freue ich mich, bald auf die Blue Bie zurückzukehren. Am Donnerstag gehe ich mit Uschi und Irene in ein vermeintlich mexikanisches Restaurant essen. Doch es war kein Mexikaner und wir sind vorerst enttäuscht. Noch enttäuschter waren wir als auf dem Menu nur Risottos waren. Doch diese hatten es in sich: So guten Risotto und vor allem so gute Desserts habe ich in meinem ganzen Leben nicht gegessen und unsere Enttäuschung hat sich in grösste Begeisterung gewandelt. Erwartungen machen das Leben nicht immer besser!

Irene im Unterricht

Genauso erinnerungswürdig ist das Gespräch: Uschi war Marketing Managerin für McDonalds HappyMeals, hat eine internationale Expat-Karriere hinter sich und hat vorerst in der Familie Abstriche gemacht. Irene ist Controllerin bei Daimler und hat die Chance eine internationale Expat-Karriere einzuschlagen und steht vor der Entscheidung, ob sie Familie oder Karriere mehr gewichten möchte. Ebenso interessant ist die Frage, ob man es sich mit sich vereinbaren kann, für McDonalds Marketing zu machen. Ich bin positiv beeindruckt wie viel McDonalds im grossen und kleinen unternimmt, damit sich die Leute gesünder ernähren und mehr bewegen – z.B. bei der Auswahl der HappyMeals Spielzeuge. Ebenso beeindruckt bin ich von Uschi’s Fähigkeit sich zu freuen, sei es über das Essen oder über ihre nächsten Reiseetappen. Da muss ich mir eine Scheibe abschneiden. Liegt es daran, dass ich so wenige Pläne mache und der Nase nach segle oder muss ich einfach etwas begeisterungsfähiger werden?

Ich fühle mich in Mérida so wohl, dass ich das erste Mal auf dieser Reise das Gefühl habe, mich hier auch länger wohl fühlen zu können! Doch so ist es Zeit zum Abschied sagen. Die Schulleiterin hat zu meinem Abschied einen Kuchen gebacken, den alle Schüler und Lehrer gemeinsam geniessen. Nicht nur das Ambiente in der Schule hat gepasst. Auch der Unterricht war sehr gut und ich bin stolz auf meine Fortschritte, auch wenn es noch ein langer Weg ist bis ich flüssig sprechen kann.

Samstag, 27. Oktober

Schon am Freitagabend um 21.30h bin ich in den Nachtbus von Mérida nach Ciudad Bolívar eingestiegen. Die Fahrt dauert 20 Stunden, in denen der Bus gerade zweimal hält um etwas zu essen, das eine Mal morgens um 3.00h! Der Bus ist sehr bequem mit riesigem Sitzabstand und Beinstütze wie in der Business Class. Einzig die Klimaanlage ist auf ‚Eis’ eingestellt und es hat kaum 10° im Bus – bei bis zu 35° Aussentemperatur. Es ist ein bekanntes Phänomen und ich habe mich darauf eingestellt und habe dank drei Lagen Kleider praktisch die ganze Nacht bequem durchgeschlafen. Wieso die Busse so heruntergekühlt werden, ist Teil des Traveller-Talks. Die Argumente gehen von ‚damit die Venezuelaner nicht festen’ bis zu ‚es gibt nur ein Typ Klimaanlagen in Venezuela – diejenige für den Transport von tief gefrorenen Fleisch’ :)

Sonntag, 28. Oktober

In der Früh fahre ich mit einem Taxi zum Flughafen um nach Canaima zu fliegen. Es ist alles bestens organisiert und ich werde schon einige Minuten später mit einer 6-plätzigen Cessna losfliegen. Doch wo ist mein Alphorn? Das wird doch nicht etwa weggekommen sein! Wo habe ich es zuletzt gesehen? Ich bin nicht sicher, doch ich kann mich nicht erinnern, es am Flughafen gesehen zu haben. In der Posada ist es auch nicht. Also im Taxi? Das ist mir jetzt zu wichtig als dass ich fliegen möchte. Ich nehme ein anderes Taxi um zum Taxistand zu fahren. Zum Glück hat mich kein normales Taxi, sondern ein Linientaxi an den Flughafen gefahren, das immer am gleichen Ort losfährt. Doch das Taxi ist nicht dort. Wie ich erfahre, war das Taxi zurück und ist wieder weg. Mit einem anderen Taxi versuche ich ihm nachzufahren, doch von nochmals einem anderen Taxi mit dem wir unterwegs sprachen, erfahren wir, dass er eine weite Fahrt hat. Ich wechsle das Taxi zu Rafael, der alle zu kennen scheint (oder ist der der Chef hier?), er spricht über das Mobile mit meinem ersten Taxifahrer, der bestätigt, dass er das Alphorn hat :) Rafael verspricht mir, dass das Alphorn am Mittwoch in der Posada sein wird, wenn ich von meiner Tour zurückkomme – natürlich nicht ohne Finderlohn von 100'000 Bolívar – rund 30 Franken. Zum Glück weiss er nicht, wie viel mir das Alphorn bedeutet.

Halbwegs beruhigt gehe ich zurück an den Flughafen, doch der Flieger ist schon weg und ich kann erst morgen fliegen. So gehe ich unverrichteter Dinge zurück in die Posada. Diese ist ausgebucht – doch für CFH 7 kriege ich eine Hängematte für die Nacht. Gar nicht schlecht, denn ich kann die ganzen Räume der Posada und den PC benützen, mein Gepäck wird bewacht und ich kann erst noch auf der Veranda – dem kühlsten Ort der ganzen Posada übernachten. Wenn ihr mir das vor einigen Monaten erzählt hättet … Ich gehe noch zweimal zum Taxistand, doch bis jetzt hat sich noch nichts getan. So bleibt mir die Hoffnung, dass das Alphorn am Mittwoch tatsächlich auftaucht. Ich bin ja auch zu blöd!

Montag, 29. Oktober

Cessna nach Canaima

Ich habe ja keine Flugangst, aber beim Anblick der 20-jährigen Cessna, mit der ich nach Canaima fliegen soll, wird es mir doch ein wenig mulmig. Doch der Motor springt auf Anhieb an und der Pilot gähnt von Herzen. So gefährlich kann es nicht sein! Ich fliege mit zwei Einheimischen, 50 Flaschen Ketchup und 10kg Reis; Canaima ist nur per Flugzeug erreichbar. Der Flug verläuft absolut problemlos. Gleich nach der Landung geht es mit Einbaum und 75 PS Aussenborder zu den Angel Falls, dem mit 1’020m höchsten Wasserfall der Welt. Das 10m lange und 1.5m breite Boot ist wie das Wort sagt, aus einem Baum gefertigt und wird mit Feuer ausgehöhlt.

Bootsfahrt zu den Angel Falls

Ich weiss nicht, was mich mehr beeindruckt: Die Fahrt mit dem Einbaum auf dem sehr wenig Wasser führenden Fluss oder die Angel Falls. Das Motorboot muss etliche meterhohe Stromschnellen überwinden. Ich hätte nie gedacht, dass man da mit einem Boot hochkommt. Es überrascht mich nicht, dass man in der Trockenzeit die Angel Falls nur aus dem Flugzeug beobachten kann. Dabei würde man einiges verpassen.

Wir marschieren eine Stunde zu den Angel Falls und können am Fuss der Angel Falls baden. Die Angel Falls sind schon sehr eindrücklich, auch wenn ich die Höhe nur schwer abschätzen kann. Das Wasser braucht c. 30-40 Sekunden bis es unten ist. Auf dem Rückmarsch zum Camp, das praktisch am Fuss der Angel Falls liegt, beginnt es in Strömen zu regnen. Im Camp können wir unsere trockenen Sachen anziehen und ein leckeres Poulet essen. Wenn man nicht weiss, was es in Venezuela zu Essen gibt, kann man auf Pollo a la Plancha (Huhn vom Grill mit Reis) wetten. In neun von zehn Fällen liegt man richtig! Doch es schmeckt mir sehr. Wir schlafen unter einem offenen Blechdach in 15 nebeneinander hängenden Hängematten.

Dienstag, 30. Oktober

Angel Falls

Die Angel Falls führen nach dem gestrigen Regen viel mehr Wasser und der gestern knappe Pegel des Flusses ist 50cm bis 3m höher! Die Rückfahrt ist mit dem höheren Wasserstand doppelt so schnell wie die Hinfahrt und ich bin gegen Mittag zurück im ‚Base Camp’. Ich wurde gestern mangels Teilnehmer an eine andere Reisegruppe ausgelehnt und bin heute alleine im Camp, das auf einer Insel zwischen Wasserfällen liegt. Ich kann von der Hängematte aus die Wasserfälle bestaunen und höre die ganze Nacht das Wassern donnern.

Immer wieder schweifen meine Gedanken zu meinem Alphorn und ich muss mich daran erinnern, dass es schon gut kommen wird, um den Ausflug aus vollem Herzen zu geniessen. Denn der Ausflug ist wirklich einmalig! Ich bin alleine im Camp und kann zwischen Zimmer und Hängematte wählen. Doch ich entscheide mich, draussen in einem Doppelbett unter einem Moskitonetz zu schlafen. Das ist eine Premiere und ich schlafe sehr gut.

Mittwoch, 31. Oktober

Canaima Lagune

Am Morgen geniesse ich noch etwas das Camp, das Dorf und die Lagune von Canaima. Plötzlich geht alles sehr schnell, denn der Pilot wartet schon. Fragt mich nicht wieso! Am Flugfeld angekommen, lade ich das Gepäck selber ein und schon geht es los. Ohne mit dem Tower zu sprechen, lässt der Pilot den Motor an und fährt los. Als ein anderes Flugzeug auf unserer Startbahn landet, zieht er mit Tempo 50 auf das Kiesbett neben der Piste. Dort bremst er nicht wie ich es erwartet hätte, sondern beschleunigt und startet ohne zu zögern aus dem Kiesbett.

In Ciudad Bolívar angekommen, fahre ich in die Posada um zu sehen, ob der Taxifahrer das Alphorn abgegeben hat. Hat er nicht:( Doch er hat mitgeteilt, dass er das Alphorn hat. Ich bin positiv beeindruckt, dass er der Posada nicht traut und das Alphorn nicht dort hinterlässt:) So kaufe ich eine Flasche Whisky als Dankeschön für ihn. Als er kommt, erzählt er mir wie schwierig es war das Alphorn zu finden und will nochmals Geld :( Da wir uns auf einige Dollars einigen, tut das meiner Freude über das wieder gefundene Alphorn nur wenig Abbruch. Anschliessend fahre ich mit einem Sammeltaxi nach Puerto Ordaz und von dort mit einem Taxi nach Piacoa in ein Camp inmitten des riesigen Orinoco Delta. Dort treffe ich auf ein deutsches Pärchen, zwei Österreicherinnen und eine Berlinerin.

Donnerstag, 1. November

Orinoco Delta

Das Orinoco Delta ist das Mündungsgebiet des Orinoco, dem drittlängsten Fluss Lateinamerikas, und erstreckt sich über rund 20'000 km2. Der Hauptfluss ist an der breitesten Stelle 22 km breit. Das Delta ist ein unendliches Gewirr von Flüssen, Wasserläufen, Durchfahrten, Bächen, Seen, Inseln, Halbinseln, Wasserpflanzen, Schilfgürteln, Buschlandschaften, Wäldern und Regenwäldern. Die Orientierung ist äusserst schwierig, einzig der immer aus Osten blasende Wind ist eine Orientierungshilfe. Wir machen am Morgen eine Bootsfahrt und bestaunen die vielen verschiedenen Landschaften und Vögel. Nur Tiere sehen wir fast keine. Gegen Mittag kehren wir in das Camp zurück und werden mit Pabello Criollo – dem venezuelanischen Nationalgericht versorgt. Nur wird es hier mit Kaimanfleisch (Krokodil) zubereitet. Es schmeckte ähnlich wie Poulet.

Warao Familie

Nach einer ausgedehnten Siesta machen wir nochmals eine Bootsfahrt und halten bei einer Warao Indianerfamilie an. Was so grossartig tönt ist doch eine eher triste Angelegenheit. Die Indianer leben mehr schlecht als recht vom Fischfang und leben in einer ärmlichen Behausung. Unter einem Blechdach hängen einige Hängematten und stehen einige Gestelle. Sie besitzen ausser den Kleidern am Leib nicht viel. Sie sind sehr freundlich und fröhlich. Trotzdem gibt es mir zu denken als unser Guide sagt, dass der venezuelanische Ex-Ehemann einer Indianerin die Tochter dort ‚herausholte’. Das tönt für mich nicht gerade nach einem erstrebenswerten Leben. Wir geniessen den Sonnenuntergang auf dem Delta und kehren einige Cuba Libres später zum Camp zurück.

Freitag, 2. November

Orinoco Delta Camp

Wir machen nochmals eine Ausfahrt und geniessen die Landschaft. Im Vergleich mit den anderen Naturschönheiten Venezuelas bietet es relativ wenig sehenswürdiges. Trotzdem bin ich froh, den Ausflug hierher gemacht zu haben. Ich habe schon viel vom Orinoco Delta gehört und würde mich sicherlich noch lange hintersinnen, wenn ich es nicht gemacht hätte.

Ich verbringe den Nachmittag und Abend im Camp, plaudere hier und da und mache eine lange Siesta. So vergeht die Zeit im Fluge.

Samstag, 3. November

Reisen macht Freude!?! Das erste Taxi kommt nicht wie geplant um 6.00h und so bestellen wir ein zweites, das uns schliesslich rechtzeitig nach Puerto Ordaz bringt. Der anschliessende Flug von Puerto Ordaz nach Caracas geht pünktlich, doch aus unerfindlichen Gründen bin ich nicht auf den nächsten Flug von Caracas nach Porlamar gebucht, sondern auf den übernächsten. Kein Problem, doch dieser hat 3 Stunden Verspätung. Auch kein Problem, doch das Gepäck kam nicht mit mir an. Auch kein Problem, denn das Gepäck war mit der Originalmaschine geflogen und ich erhalte es mit einiger Verspätung. So ist es auf Reisen und Venezuela: Es klappt selten wie geplant, aber trotzdem immer irgendwie! Ein Tag in der Hängematte wäre gemütlicher.

Ich übernachte auf Margerita in einer kleinen Posada direkt am Meer und koche mit dem Besitzer Muscheln. Wir haben zwar keine Ahnung wie man Muscheln kocht, aber sie wurden sehr gut! Es fühlt sich nach vier Monaten an Land sehr gut an wieder am Meer zu sein und Salzluft zu schnuppern. Ich freue mich auf die Zeit auf der Blue Bie!

Sonntag, 4. November

Der Flug nach Grenada ist problemlos und ich fahre mit einem französischen Ehepaar mit dem Taxi zur Werft. Ich bin sehr erleichtert, Blue Bie unversehrt auf dem Werftgelände zu sehen. Natürlich inspiziere ich zuerst einmal die gemachten Arbeiten. Die Werft hat sauber und gut gearbeitet und die meisten Arbeiten sind gemacht. Es ist zu warm um die Tasche auszupacken und so beginne ich mit den ersten Vorbereitungsarbeiten für das Einwassern. Doch schon bald lasse ich die Arbeit Arbeit sein, gehe schwimmen und lasse die Seele baumeln.

Montag, 5. November

Schon um 6.00h beginne ich auf der Blue Bie zu arbeiten, denn tagsüber hat es 35° und kaum eine kühlende Brise. Ich repariere ein defektes Seeventil, schlage das Grosssegel an, montiere das Bimini und beginne das Bootsinnere zu reinigen. Es hat einige Stockflecken, doch diese gehen problemlos weg. Ich erhalte noch einen Anruf von einem Headhunter in der Schweiz, der fragt wann ich wieder zu arbeiten beabsichtige. Nicht in den nächsten paar Jahren war meine spontane Antwort:) Ich geniesse meine Freiheit und mein Leben schon sehr! Als die Arbeiter um 9.00h kommen, habe ich das meine Arbeit gemacht und ich koordiniere mit ihnen die ausstehenden Arbeiten. Es scheint keine grossen Probleme zu geben, obwohl die Werft viel zu tun hat.

Am Nachmittag geniesse ich wieder einmal den Internetzugang. Es hat mir schon gefehlt, dass ich eine gute Woche keinen Internetzugang hatte. Wenn ich hier etwas vermisse, sind es meine Freunde und Familie. E-Mail und Skype sind unter den Umständen ein ideales Mittel um in Verbindung zu bleiben.