Alicante - Gibraltar
Montag, 13. November
Nach zwei Wochen in der Schweiz bin ich zurück auf der Blue Bie. Alles ist bestens und sie liegt noch da, wie ich sie verlassen habe.
Dienstag, 14. November
Pünktlich um 10.00h geht die Blue Bie wieder aus dem Wasser um die Ruderlager zu ersetzen. Ich hätte mich nie getraut, so schweres Gerät einzusetzen und mit dem Bohrer das Lager manuell anzupassen wie es die Werftmitarbeiter machen. Am Schluss passt es und um 16.00h ging die Blue Bie problemlos zurück in das Wasser.
Nach all dem Jubel und Trubel der letzten zwei Wochen ist es schon sehr ruhig auf der Blue Bie und ich fühle mich nicht so richtig wohl und schon etwas alleine. Doch da hilft nicht viel, ausser dieses Gefühl bewusst wahr und ernst zu nehmen. Trotzdem schlafe ich bestens.
Mittwoch, 15. November
Heute mache ich einige Erledigungen, fülle die Vorräte wieder auf und spiele Alphorn. Ja! Gleich zu Beginn meines Urlaubes in der Schweiz habe ich mir ein Alphorn gekauft und spiele geradezu fanatisch. Nach einem Anfängerkurs letzten Mai fühle ich mich soweit wohl, dass ich alleine spielen kann und es auch nicht allzu schrecklich tönt, wenn einmal ein Bootsnachbar zuhört. Es ist unglaublich, wie beruhigend dieses Instrument auf mich wirkt. Damit es in der Feuchtigkeit nicht kaputt geht, habe ich ein teleskopartig zusammenschiebbares Alphorn aus Kohlefaser gewählt. Das ist super leicht und hat überall Platz.
Mitten im Einkaufen frage ich mich „Wo ist mein Pass?“ Er ist doch nicht ...? Oder doch? Er ist noch immer bei meiner Schwester auf dem Scanner, wo ich ihn kopiert habe! Oh oh. Aus dem ruhigen Einkaufen wird erst mal nichts und ich berate mich mit Sybil und meinem Vater wie ich ihn am besten wieder kriege.
Donnerstag, 16. November
Höchstwahrscheinlich kommt Pa am 21. oder 22. November nach Malaga und bringt den Pass und einige Teile für das Funkmodem mit. Von dort werden wir zusammen auf die Kanaren segeln und er wird von dort wieder nach Hause fliegen. Doch nach Malaga ist es noch weit und für die nächsten paar Tage ist Gegenwind vorhergesagt. So lege ich morgens um 3.00h für die erste Teilstrecke nach Cartagena ab und komme dort gegen 16.00h an. Leider hat es nur wenig Wind und so können die neuen Propeller zeigen was in ihnen steckt.
Doch ich habe tagsüber zu wenig getrunken und habe erstmals seit Monaten Kopfweh und liege um 19.00h im Bett. Ich kann mich überhaupt nicht über meine Gesundheit beklagen: Abgesehen von einigen kleinen Schürfungen und Kratzern hatte ich bis jetzt keine Verletzung, kein Sonnenbrand und war nicht einmal krank. Kein Wunder sind die Krankenkassenprämien für Hochseesegler so tief.
Freitag, 17. November
Cartagena ist kulturell unglaublich interessant. Hier hat Hannibal seine Hauptstadt für den Westen seines Reiches gegründet und seine berühmte Elefanten Expedition u.a. durch die Schweiz gestartet. Aus dieser Periode sind nur noch Ruinen vorhanden. Dafür hat es viele wunderschöne Gebäude aus dem 18. Jh. Am Nachmittag lerne ich erst einen Deutschen kennen, der letztes Jahr eine Outremer 43 überführt hat und jetzt ‚Hand gegen Koje’ lebt. Ich gehe mit ihm und seinem amerikanischen Skipper auf ein Bier, dann auf ein Nachtessen und plötzlich ist es 1.00h. So spät bin ich schon lange nicht mehr in’s Bett.
Samstag, 18. November
Heute möchte ich wieder los, denn bis nach Malaga sind es noch zwei Tage, die ich durchsegeln möchte. Der Wetterbericht meldete schwachen Wind, aber immerhin nicht permanent auf die Nase. Als ich meinen Schlüssel abgeben möchte, pralle ich in eine Amerikanerin. Eigentlich wollte ich ja gehen, aber ein Wort ergibt das andere und wir gehen auf einen Kaffee. Kaum fertig, kommt der Amerikaner und möchte das Alphorn hören. Und plötzlich sind wir eine richtige kleine Familie und haben einen schönen Morgen miteinander. Doch gegen 12.00h lege ich los, gleich nach der X-442 des CCS. Sie läuft deutlich langsamer, dafür höher und ich bin nicht sicher, wer besser Höhe läuft. Ich denke sie, aber nicht viel.
Der Rest des Tages ist ereignislos. Ich motore, segle, spiele Alphorn und stehe in der Nacht jede Stunde auf um zu schauen, ob alles in Ordnung ist.
Sonntag, 19. November
Nach Rundung des Cabo de Gata um 2.00h nimmt der Verkehr mächtig zu und es vergehen kaum 20 Minuten, ohne dass ich vom Radar geweckt werde. So bleibe ich für zwei Stunden auf, es ist zu viel los um zu schlafen. Und plötzlich bin ich von blinkenden Fischernetzbojen umzingelt. Eigentlich kein Problem, wenn mir der Deutsche nicht gesagt hätte, dass sie hier Thunfischnetze mit Stahlseilen fest verankert haben. Da ist nix mit einfach darüber fahren wie bei den normalen Fischernetzen. Doch es hat soviele Lampen, dass ich nicht mehr weiss, wo die Netze beginnen und aufhören. So segle ich ganz langsam nur unter Grosssegel bis ich in das Kielwasser eines Containerschiffes komme. Diesem folge ich und dann ist es kein Problem mehr.
Die Nacht ist fantastisch schön mit Millionen Sternen und vielen Sternschnuppen. Fast scheint es, dass sie mir den Weg durch die Netze zeigen. Der Tag ist wiederum sehr ruhig und es hat fast keinen Wind. Wenn es so weitergeht würde ich mitten in der Nacht in Benalmadena (Malaga) ankommen, doch ich möchte bis nach Tagesanbruch warten. So segle ich am Nachmittag, obwohl es fast keinen Wind hat. Auch wenn der Motor viel weniger Arbeit als Segeln macht, so richtig gemütlich ist es unter Motor einfach nicht! So ist es jetzt ganz ruhig an Bord und ich spiele wieder Alphorn.
Montag, 20. November
Die zweite Nacht ist ereignislos und ich werde vom Radar nur einmal geweckt. Dazwischen stehe ich jede Stunden uf um zu schauen, ob alles passt. Das heisst fast jede Stunde, denn einmal habe ich den Wecker verschlafen! Als ich am Morgen aufwache, werde ich von den schneebedeckten Bergen der Sierra Nevada und Delfinen begrüsst. Wie gewünscht komme ich gegen 8.30h in Benalmadena an. Nach einigem Warten finden sie noch einen Hafenplatz für die Blue Bie. Doch wie es sich herausstellen sollte, ein sehr unangenehmer Platz mit sehr viel Swell.
Erstmals hat es hier Tidenhub. Im Mittelmeer hat es normalerweise keine Tide, doch hier merkt man bereits den Einfluss des nahen Atlantik. Jedesmal wenn die Tide abläuft, läuft ein ganz unangenehmer Swell hinein und lässt die Blue Bie und Nachbarsboote wild hin- und hertanzen. Benalmadena ist wie die ganze Costa del Sol sehr touristisch und mit vielen Hochhäusern verschandelt. Nachdem die Blue Bie sicher vertäut ist, organisiere den Transport von Pa nach Benalmadena, schaue, wo ich den Grosseinkauf für die Überfahrt auf die Kanaren machen kann und gehe endlich wieder einmal in ein Internet Café. Aus irgendeinem Grund hat jemand anders Wetterdaten auf meinen MaxSea Dongle bestellt und ich erhalte seit zwei Wochen keine Wetterdaten mehr. Mit einem Mail konnte ich das klären. Doch mein E-Mail funktioniert auch nicht und das konnte ich nicht klären :-(
Dienstag, 21. November
Heute kommt Pa und ich mache klar Schiff. Dabei bleibt genügend Zeit für einige Tees mit meinen Bootsnachbarn. Nachdem ich die Wetterkarte gesehen habe, lasse ich das Einkaufen sein: Für die nächsten 7 Tage ist Südwestwind angesagt und damit ist an eine Fahrt auf die Kanaren vorerst wohl nicht zu denken. So bleibt noch viel Zeit zum Alphorn spielen.
Am Abend kommt mein Vater pünktlich an und wir geniessen die gemeinsame Zeit bei einem Nachtessen in einer kleinen Tapas Bar.
Mittwoch, 22. November
Heute wollen wir früh los, denn bis zum Tagesziel in Estepona sind es 30 Seemeilen. Doch der Backbord Motor springt nicht an. So beginnt die Fehlersuche und ich lerne von Pa, wie ein Relais funktioniert. Doch schliesslich ist es ein korridiertes Massekabel, das den Starter ausser Gefecht setzte. Als dieses nach 2 Stunden repariert ist, geht es los. Es bläst mit 20-25 Knoten und halbem Wind. Wir laufen sicherheitshalber mit drei Reffs im Grosssegel. Ich hatte schon lange nicht mehr so viel Wind und bin nach der Motorpanne am Morgen müde. Doch nachdem Blue Bie eine halbe Stunde problemlos gesegelt ist, werde auch ich ruhiger. Doch schon bald dreht der Wind auf die Nase und wir motorsegeln gegenan. Plötzlich sehe ich den Felsen von Gibraltar vor mir. Was für ein erhebender Anblick: Nachdem ich drei Monate mehr oder weniger Richtung Gibraltar gesegelt bin, steht das lang ersehnte Ziel so greifbar nahe.
Das Ziel, vor dem Einnachten anzukommen, schaffen wir gerade nicht mehr. Doch die Einfahrt in Estepona ist problemlos. Als wir am Anmeldesteg anlegen, heisst es – sorry kein Platz. Nicht das auch noch. Alles verhandeln nützt nichts. Wir planen schon den Weg zum nächsten Hafen als der Marinero nochmals kommt und sagt, der Control Tower habe Erlaubnis gegeben, für eine Nacht zu bleiben. Wir erhalten zwei Motorbootplätze à je 25m Länge! Nach einem superfeinen Nachtessen in einer kleinen Bodega, wo es keine Speisekarte und nur drei Gerichte gibt, fallen wir nach einem ereignisreichen Tag todmüde in die Koje.
Donnerstag, 23. November
Wer macht Frühstück, wenn Vater und Sohn beide keine Köche sind? Der Hausherr! Nach dem Beinahe-Debakel der Übernachtung in Estepona rufen wir die Marina in Gibraltar an und reservieren einen Hafenplatz. Danach segeln wir los und können zumindest anfänglich bei 15 Knoten Wind hart am Wind Richtung Gibraltar laufen. Wir kriegen Besuch: Mitten im Meer spielt eine ganze Schule Delfine mit den Bugwellen der Blue Bie. Doch nach einer Stunde dreht der Wind einmal mehr auf die Nase und wir motorsegeln bei teilweise bis zu 25 Knoten nach Gibraltar. Langsam aber sicher taucht Afrika über dem Horizont auf und wir können die Meerenge von Gibraltar überblicken. Der Verkehr ist weniger stark als befürchtet, doch die Querung der Strasse von Gibraltar folgt erst auf der nächsten Etappe.
Gibraltar selber ist gewaltig laut – viele Autos und unmittelbar neben der Marina schütten sie Land für eine grosse Appartmentanlage auf. Auch der Yachthafen ist viel kleiner als erwartet und nach einer Warterei von einer Stunde haben sie ein Plätzchen für uns gefunden. Das Einklarieren beim Zoll in Gibraltar erledigt der Hafenmeister und der Hafen ist einer der billigsten der ganzen Reise. Vor dem Nachtessen erkunden wir die Stadt, allzu gross ist sie nicht. Es wird überall gebaut und nicht einmal in der Fussgänger Passage ist es ruhig. Dort reinigen sie mit lauter Maschine den Boden! Ich bin den Lärm einfach nicht mehr gewohnt.
Freitag, 24. November
Heute kümmern wir uns um die Blue Bie: Der Backbordmotor lässt sich schon seit einer Weile nicht mehr elektrisch abstellen und ich musste immer in den Motorenraum, um ihn von Hand abzustellen. Gemäss Elektriker ist der Linearmagnet defekt. Doch einen Ersatz erhält man nicht in Spanien. So demontieren wir ihn in der Hoffnung, einen neuen in Gibraltar zu finden. Beim Demontieren macht es schwups und ein Teil liegt auf dem Meeresgrund. Naja, brauchen wir ja nicht mehr. Doch wir finden keinen neuen Linearmagnet und wir überlegen, ob wir ihn nicht doch reparieren können. Also muss ich erst einmal tauchen. Im trüben, 14° kalten Wasser finde ich ihn zum Glück auf 4m Wassertiefe auf Anhieb. Irgendwie finden wir keinen Defekt und nach einigen Stunden finden wir die Ursache einmal mehr in der Elektrik: Ein Kabel, bei dem die Litzen halb durchgetrennt sind. Das tönt so einfach, doch wer einmal im Blue Bie Motorenraum war, weiss, dass die einfachste Arbeit ewig dauert und artistische Verrenkungen braucht.
Samstag, 25. November
Heute regnet es fast den ganzen Tag. So gehen wir erst einmal gemütlich frühstücken und einen zweiten Laptop kaufen. Denn was schief gehen kann, geht bekanntlich schief. Danach revidieren wir noch ein paar Kleinigkeiten in der Motorenelektrik, was einmal mehr länger dauert als geplant. Die sieben Tage Südwestwind sind bald um und der Wetterbericht für die nächsten Tage ist tatsächlich nicht allzu schlecht und so gehen wir den ersten Teil des Grosseinkaufs machen. Wir rechnen mit 3 Mannwochen für die Überfahrt auf die Kanaren und da kommt doch einiges zusammen: 75 Liter Trinkwasser, Kartoffeln, ... Da wir die Frischwaren erst am Tag vor der Abfahrt einkaufen ist die Rechnung erstaunlich günstig: Nicht einmal CHF 100.
So vergeht der Tag im Nu und wir schauen vor dem Nachtessen nochmals den Wetterbericht an. Sehr viel Wind wird es nicht haben, aber ab Montag oder Dienstag sollte der Wind auf Nordost drehen. Viel besser wird es nicht werden und so werden wir alles vorbereiten um dann loszulegen. Viel braucht es nicht mehr: Rigg kontrollieren, Wasser bunkern und frische Lebensmittel einkaufen.
Sonntag, 26. November
Nach dem gestrigen Regen scheint heute die Sonne, doch es ist weiterhin kalt. Wir dichten am Morgen ein Luk neu ab, checken das Rigg und füllen den Wassertank auf. Am Nachmittag machen auf eine Stadtbesichtigung. Sie haben hier ein ganz spannendes System: Die Taxifahrer machen eine fast 2-stündige Besichtigungstour die den Eintritt in die meisten Sehenswürdigkeiten beinhaltet und spielen gleichzeitig Reiseleiter. So sehen wir die bekannten Gibraltaraffen, Tropfsteinhöhlen und grosse unterirdische Befestigungsanlagen. Gibraltar soll mehr Strassen im Felsen als an der Oberfläche haben. Hier hört die alte Welt auf und hier errichtete Hercules die Säulen, die den Eingang zur Hölle markieren. Auch für mich hört hier eine bekannte Welt auf und eine unbekannte Welt voller Wunder und Abenteuer beginnt. Seit nunmehr 5 Monaten ist Blue Bie mein Zuhause und wir haben zusammen doch schon einiges erlebt. Mir geht es wie einem Pensionär: Ich hätte schlicht keine Zeit zum Arbeiten! Oder ist Blue Bie etwa meine Arbeit ;-)
Wenn das Tagebuch der letzten paar Tage nicht mehr allzu viele persönliche Gedanken enthält, so wohl deshalb, weil viel läuft und ich wenig Zeit für mich und meine Gedanken habe. Es macht schon einen Unterschied, ob ich alleine bin oder Besuch habe. Der Wetterbericht ist unverändert und so beabsichigen wir, morgen Richtung Kanaren auszulaufen.






