Erste Woche auf Blue Bie
Samstag, 10. Juni
Nach doch recht langer Fahrt bin ich gestern abend auf der Blue Bie angekommen und nach kurzem Nachtessen gleich schlafen gegangen. Endlich angekommen. Angekommen? Eigentlich wäre heute ein Tag zum Feiern oder arbeiten, aber irgendwie habe ich keine Motivation für gar nichts. Dabei gibt es soviel zu tun. Vor allem der nichtfunktionierende Autopilot und das klemmende Ruder liegen mir auf dem Magen. Und das bevor ich überhaupt losgesegelt bin!
So räume ich gerade mal halbpatzig meine vielen Taschen aus. Doch wohin damit? Ich habe noch immer das dreifache an Kleider als im ‚Kleiderschrank’ Platz hat, obwohl ich doch schon soviel weggegeben habe. Ausserdem tropft Diesel in den Stauraum unter meinem Bett! Das darf doch nicht wahr sein. Wo hat denn der Tank ein Leck? Eine Aufgabe mehr und die Kleiderentscheidung: jeweils 5 kurze und lange Hosen sowie 5 kurz- und langärmlige Pullover (inkl. Jacken) kommen in den Kasten, der Rest wandert in den Keller (Backbord Vorschiff). Jetzt baue ich den Autopilot aus und hoffe auf ein Wunder. Doch kein Wunder geschieht und ich habe keinen Bock mehr was zu tun.
Nach einem frühen Nachtessen gehe ich früh in’s Bett. Morgens um drei trampelt jemand auf der Blue Bie herum - ein Fischer, dem der Angelhaken verhängt ist. Er entschuldigt sich zehnmal, verzieht sich nach 15 Minuten unverrichteter Dinge und ich schlafe sofort wieder ein.
Sonntag, 11. Juni
Gestern bin ich um 22.00h in’s Bett, habe heute bis um 9.00h geschlafen und döse zwei Stunden später schon wieder ein. Ich schlafe mehr als ich wach bin. Aber immerhin habe ich heute nicht mehr das Gefühl, etwas tun zu müssen! Und so döse und schlafe ich den ganzen Tag vor mich hin.
Beim Frühstück hat mich der Präsident des lokalen Yachtclubs angesprochen und gefragt, ob ich vom 1. – 9. Juli Begleitboot für die Minimax Regatta der Mini Transat Klasse von Port Camargue über Porquerolles nach Ajaccio und zurück machen möchte. Wieso nicht? Aber ich nehme mir ein paar Tage Bedenkzeit. Gegen Abend habe ich mit dem Bike eine grössere Runde gedreht und gesehen, dass der Blachenmacher am Montag auf hat. Also montiere ich noch kurz den Lazybag ab, um morgen die defekten Reissverschlüsse nachnähen zu kann.
Montag, 12. Juni
Endlich bin ich ausgeschlafen und energiegeladen. Zuerst bringe den Lazybag in die Reparatur – kein Problem, er ist am Dienstag abend bereits fertig! Dann habe ich den Autopiloten nochmals angeschaut. Doch ich bin mit meinem Latein am Ende. Egal was ich alles abmontiere, der ‚Seatalk Failure’ bleibt. Kann ja nur der Kompass-Geber sein, denn egal wie ich ihn drehe und wende, der Autopilot zeigt immer den gleichen Kurs. Da wird wohl nichts mit ‚bei Gelegenheit’ einen Ersatzautopiloten kaufen. Der muss sofort her und dann kann ich schauen, welche Komponente nicht funktioniert. Also ab mit dem Bike in das Elektronik-Geschäft. Kurze Antwort des Servicetechnikers: Das muss der Autopilot selber sein, denn bei einem Geberfehler würde ‚no compass data’ stehen. Aha, da liege ich ich voll falsch. Also mit dem Bike zurück auf die Blue Bie und den Autopiloten holen. Problem delegiert und für micht erledigt!
Dienstag, 13. Juni
Heute schaue ich mir das klemmende Ruder an. Kann ich das selber erledigen oder gehe ich damit besser zur Werft? Da klopft jemand an die Blue Bie. Michel, der Vorbesitzer der Blue Bie, schaut vorbei. Dann ist es wohl Zeit für einen Swizly und einen Schwatz. Das Ruder? Können wir selber machen, ist sowieso Routineunterhalt. Erst diese Schraube auf und dann diese! Doch die zweite ist voll korrodiert und es geht gar nichts. Also doch nichts mit selber machen! Der Ruderstrock muss mit der Trennsäge geteilt werden, eine neue Achse eingebaut werden und dann der Unterteil neu angeschweisst werden. Das kommt davon, wenn während einem halben Jahr niemand den Routineunterhalt macht. Dieseltank? Nein, der hat bis jetzt noch nie geronnen, aber er habe den Tank auch nie ganz gefüllt. Pa und ich schon. Ob’s daran liegt?
Wir plaudern noch über dies und das und Michel bietet an, zusammen einen längeren Einführungs-Törn zu machen. Zudem würde er die Blue Bie während den Sommerwochen gerne chartern, wenn ich nicht da bin. Mal schauen. Aber wir könnten nächste Woche zusammen zum America’s Cup nach Valencia segeln. Das müsste terminlich und zeitlich aufgehen. Jetzt muss die Blue Bie wegen dem Ruder doch auf die Werft. So geht die Pendenzenliste natürlich schnell nach unten: Autopilot beim Spezialisten, Ruder bei der Werft. Dabei will ich doch möglich viel selber machen. Aber immerhin weiss ich jetzt, dass die vermeintlich grossen Probleme wohl gelöst werden. Ich bin richtig erleichtert und das erste Mal so richtig gelöst. Ich hole ich noch rasch den Lazybag, mache früh Feierabend und schaue das Fussball WM Spiel Schweiz – Frankreich. 0:0, sehr gut, da gibt’s keinen Streit mit dem Gastgebern.
Mittwoch, 14. Juni
Heute will ich den Lazybag und das Bimini montieren. An den Lazyjacks entdecke ich viele Kleinigkeiten die mir nicht passen und das Bimini ist rostig! Aus einer Zweistundenarbeit wird eine Tagesarbeit, aber ich kann alles selber erledigen. Doch einen neuen Satz Schrauben für das Bimini gönn ich der Blue Bie. Also, ab auf’s Bike und in den Laden neue Schrauben holen. Dann kann ich gleich noch schauen, wie’s dem Autopiloten geht. Doch der Service-Techniker ist nicht da und die anderen haben keine Ahnung. So jetzt kann ich das Bimini fertig montieren und es passt mehr oder weniger.
Aber es liegt noch immer viel zu viel Zeugs rum und ich habe beim besten Willen keine Ahnung, was wo verstaut werden soll. Ich muss morgen Michel fragen, was sie wie gestaut haben. Doch wohin kommt das Kitezeug? Das liegt auch noch in der Kajüte! Steuerbord Vorschiff? Auch da gilt’s erst mal aufzuräumen und den Dreck von der letzten Reparatur (vor meiner Zeit!) wegzuräumen. Überhaupt, ich nehme sicher fünfmal im Tag das Putzzeug in die Hand um irgendwas zu reinigen. Mal schauen wie das Kitezeug in das Vorschiff rein passt. Irgendwie fliegt die Zeit und ich mache erst um 21.00h Feierabend. Für ein kleines Nachtessen in Grau du Roi reicht es. Ich fahre meistens mit dem Velo 15 Minuten nach Grau du Roi zum Nachtessen. Es ist günstiger und hat mehr Auswahl als in Port Camargue.
Donnerstag, 15. Juni
Heute geh ich einkaufen. Ich brauche Einteilungen für die Schubladen, Blöcke für die Lazy-Jacks, einen Cockpit Tisch, einen Wäschesack und einen kleinen Werkzeugkoffer, weil mein schöner, grosser bei bestem Willen keinen Platz auf der Blue Bie findet. Schon wieder räume ich ein. Das gilt allgemein: wenn ich nicht nach Gebrauch nicht sofort alles wegräume, habe ich innert Minuten ein Chaos an Bord.
Der Servicetechniker hat den Autopiloten angeschaut. Bad news: Die Hauptplatine ist hinüber. Die Reparatur kostet fast soviel wie eine neue Zentraleinheit und geht sicher noch bis nächsten Montag. Ob wir es rechtzeitig zum America’s Cup schaffen? Es sind immerhin 300 Seemeilen bis Valencia. Es könnte reichen, wenn er am Montag Mittag wirklich fertig ist. Heute koche ich das erste Mal auf der Blue Bie das Nachtessen: Spaghetti Aglio, Olio und Peperoncini. Gar nicht so einfach, wenn man nicht weiss, wie scharf der Peperoncini ist – schärfer als gedacht! Zum Dessert schaue ich noch ein Fussball Match an der Strandbar. Zum Frühstück wechsle ich meistens ab: Einen Tag auf der Blue Bie, am anderen mit dem Dinghi vis à vis bei Chris und Mary.
Freitag, 16. Juni
Heute vormittag kommt Michel nochmals vorbei um zu plaudern und den Törn nach Valencia zu besprechen. Alles klar und Michel zeigt mir noch einen Vorrats-Stauraum, den ich noch gar nie gesehen habe! So ein Schiff hat einfach viel zu viel Ecken und zu wenig gerade Flächen! Auch nach nochmaligem drüber schlafen scheint meine Kitestauidee gut. Dann setze ich jetzt mal die Bohrmaschine an und baue meinen Kites ein richtig komfortables Lager. Dann will ich noch den durchgerosteten Lautsprecher ersetzen. Gleiches Fabrikat, gleiches Modell, aber die Löcher sind viel mehr in der Mitte, dort wo die Öffnung vom alten Lautsprecher ist! Also lege ich das mal auf die Seite und mach mir ein kleines Mittagessen. Crackers, Boursin und eine halbe Ananas, mmmh...
Dann kommt halt der Dieseltank dran – ist das eine Sauerei. Uralte Sägespäne in Diesel getränkt, unheimlich viel Staub unter der Matratze, ... Also auch hier mal eine Stunde Arbeit. Egal was ich anpacke, es geht länger und ist komplizierter als ich denke. Aber irgendwie komme ich trotzdem vorwärts. Nach einer gründlichen Dusche um all den Glasfaserstaub von der Haut zu kriegen folgt die erste Handwäsche. Aber typisch, nachdem es die ganze Woche keine Wolke hatte, zieht jetzt ein Gewitter ganz langsam rein und gleich nach dem Aufhängen ibeginnt’s zu regnen.
Samstag, 17. Juni
Céclie schreibt mir, dass sie mich über den 1. Juli besuchen kommen möchte und schreibt, dass mein Horoskop schlecht sei. Habe nicht nur deswegen halberzig gearbeitet. Moment – Cécile kommt um den 1. Juli? Das ist ja direkt nach dem America’s Cup und ich habe noch keine Ankerkette (die alte hat Michel auf meine Bitte hin entsorgt, da sie in doch sehr schlechtem Zustand war) und einen mittelmässigen Anker. Also gehe ich wieder einmal einkaufen: Eine Kette haben sie, aber den Anker müssen sie bestellen. Immerhin. Ankerkette montieren – wieder eine Stunde um. Dann habe ich noch das Rigg kontrolliert. Das stehende Gut ist in Ordnung, aber das Grossfall muss dringend gekürzt werden. Die Mastleiter funktioniert bestens und die Selbstsicherung am Grossfall ebenfalls. Aufgrund des Mastfalls muss ich hinten leicht überhangend hoch klettern. Vorne ist einfach zuviel Zeugs im Weg und kein Fall zur Sicherung zur Verfügung. Im Hafen funktioniert es so bestens, auf hoher See verzichte ich wohl lieber darauf.
Nachdem mich meine Bananenschachten mit Büchern unter dem Salontisch über eine Woche genervt hat, habe ich jetzt endlich ein Plätzchen gefunden. Das immer als viel zu schmal erscheinende Bord neben dem Bett ist viel breiter als gedacht und bietet allen Büchern bestens Platz – und hat sogar noch Platz für mehr Bücher :-))
Sonntag, 18. Juni
Heute bin ich nicht gut drauf - keine Angst, das hat seinen Grund! So trödle ich rum und tue gar nichts. Noch immer gibt es einiges zu verstauen und morgen wollen Michel und ich doch lossegeln. Also, raff ich mich auf! Der neu gekaufte Tisch, der seit 2 Tagen so gross rumsteht, ist ausgepackt nicht mehr so gross und lässt sich im Cockpit bestens stauen. Das letzte Stauproblem ist gelöst.
Jetzt geht’s besser von der Hand. Kartonschachteln mit Einzelfächern für die Gläser wie bei Mutti auf der Medea sind im Handumdrehen gebastelt. Dann nochmals durch alle Werkzeug- und Ersatzteilschachteln durch – auch hier lässt sich einiges entrümpeln. So habe ich am Schluss plötzlich (zu) viel Platz. Aber wer Schiffe kennt, weiss dass das nicht lange so bleibt. Heute gibt’s wieder einmal zivilen Feierabend (um 19.30h), so dass ich nach dem Nachtessen noch den Match Frankreich – Südkorea schaue.
Vor dem in's Bett gehen zerlege ich noch das Mountainbike und versuche es im Vorschiff zu verstauen – es passt durch die Vorschiffsluke! Und, wer hätte das gedacht, sogar die Räder passen durch das Vorluk hindurch. Nur zuviel Profil (oder Luft) darf der Pneu nicht haben. Die Bootsbauer müssen Mountainbiker sein.
Montag, 19. Juni
Gestern wurde es mit der Bikezerlegerei doch noch spät und ich ging erst um 1.00h in’s Bett. Irgendwie schlafe ich nicht so ruhig wie sonst und bin trotzdem um 8.00h wach. Ich merke die Anspannung, dass es heute los geht. Vor allem die Kocherei für Michel und mich liegt mir auf dem Magen. Doch als erstes gehe ich in den Masttop, das Grossfall kürzen. Da oben hat es keine gescheite Standfläche und vor allem kann man sich mit dem Oberkörper bzw. den Händen nur schlecht halten. Immerhin, die Kürzung gelingt und ich bin 15 Minuten später wieder sicher auf Deck. Ich bin froh, dass ich es gemacht habe, das abgeschnittene Grossfall sieht wirklich nicht sehr vertrauenswürdig aus.
Um 9.00h gehe ich in das Elektronikgeschäft, aber die Post kommt erst um 11.00h. Dann gehe ich halt nach Montpellier einkaufen, aber ich nerve mich, weil Michel Druck macht um zu wissen was Sache und der Carrefour viel zu gross ist. Ich brauche viel zu lange bis ich alles zusammen habe. Wer braucht schon die Auswahl von 20 Laufmeter Yoghurt?!? So komme ich prompt 10 Minuten zu spät in das Elektronikgeschäft, es ist bereits Mittagspause. Auch gut, dann kann ich die Einkäufe verstauen. Schon ist es wieder Zeit in das Elektronikgeschäft zu fahren. Die Ersatzteile sind nicht gekommen. Michel macht Druck und ruft den Importeur an. Offenbar haben sie gar nichts gesendet, da das Teil nicht vorrätig sei. Stephane sagt, sie haben davon nichts gesagt. Egal. Das komische ist: Ich fühle mich erleichtert. Jetzt muss ich nicht in einer Hetzerei mit Michel loslegen.
Da es nichts mehr zu tun gibt, schaue ich Schweiz – Togo. Na ja, das Unterwasser hat eine Reinigung verdient und so schruppe ich von 18.00-20.30h das Unterwasserschiff. Aber jetzt ist wirklich alles durch und ich bin so richtig gut drauf. Nichts zu tun, die Blue Bie und ich sind bereit abzulegen. Komisch, ich würde lieber alleine als mit Michel gehen. Er hat nur bis Donnerstag morgen Zeit und ich soll ihn irgendwo ausladen. Aber ich gehe lieber alleine, auch wenn es sicher schwieriger ist, ab er ich kann alles nach meinen Tempo machen und z.B. auch nur eine Kleinigkeit essen, statt ein richtiges Menu zu kochen. Mal schauen, ob morgen der Autopilot da ist, sonst hat es sich sowieso erledigt.
Nach einer kurzen Dusche fühle ich mich so richtig wohl und habe gar keine Lust irgendwo Essen zu gehen. Es ist viel zu gemütlich auf der Blue Bie und ich geniesse die ruhige Abendstimmung. So mache ich mir eine Suppe und Maissalat und sitze gemütlich im Cockpit.
Dienstag, 20. Juni
Heute kann ich es ganz gemütlich nehmen. Der Autopilot ist frühestens um 14.00h fertig und die Arbeiten sind soweit erledigt. So frühstücke ich gemütlich bei Chris & Mary und hole beim Hafenmeister den neuesten Wetterbericht. Dies in Ergänzung zur täglichen Windvorhersage per Mail im MaxSea Navigationsprogramm. Letzteres erlaubt zusammen mit den Geschwindigkeitsdaten der Blue Bie ein 'ideale' Routenberechnung, immer unter der Voraussetzung dass die Windvorhersage stimmt! Und es kommt wie es kommen muss, der Autopilot ist nicht fertig. Aber morgen soll er definitiv fertig sein. Michel ist enttäuscht und kommt trotzdem vorbei.
Wir fachsimpeln wieder etwas und vereinbaren, dass Michel die Blue Bie während meines Schweiz-Aufenthaltes für 2 Wochen chartern kann. Das gibt einen netten Zustupf in meine Bordkasse. Da gönne ich der Blue Bie (und mir) einen neuen Satz Belegleinen. Die alten sind zwar nicht kaputt, aber sehr steif und unhandlich. Den Rest des Abends geniesse ich an Bord bevor ich auf ein spätes Nachtessen gehe. Ich bin jetzt so richtig bereit für meinen ersten Törn. Alles wichtige ist erledigt und ich bin entspannt. Viel Wind ist nicht vorhergesagt. Sobald es etwas mehr gibt, werde ich lossegeln. Zeitdruck habe ich keinen. Der nächste Termin ist erst in 8 Tagen in Barcelona um Cécile abzuholen.




