Mallorca
Montag, 4. September
Heute geht es los. Ich freue mich riesig und doch ist es mir mulmig. Ich plane 2 Tagen und 2 Nächten für die Überfahrt nach Mallorca. Doch erst geh ein letztes Mal französisch Frühstücken mit Croissant und Espresso. Wann werde ich wohl das nächste Mal in Frankreich frühstücken? Nach letzten Lebensmitteleinkäufen ist es um 11.00h soweit. Die Blue Bie wird auf dem Slip ganz langsam in das Wasser gelassen und sie schwimmt ganz gelassen auf. Motoren an, Leinen los und auf geht’s Richtung Mallorca.
Es hat stockdicken Nebel, nur 10 Meter hoch und die Sonne drückt durch. Nicht ganz untypisch für die Region in dieser Jahreszeit und ich seh kaum die Hafenausfahrt. So fahre ich unter Autopilot und Radar los. Immer 196° bis nach Mallorca. Da kann die Navigation nicht allzu schwierig sein. Der Wind? Leicht und mehr oder weniger von vorne. So setze ich das Grosssegel um den Motor zu unterstützen. Doch das Fahren nach Radar hat so seine Tücken: Man sieht nur die relative Bewegung der Schiffe und erst mit Erfahrung kann man das Bild interpretieren. So muss ich in der Nacht zwei, dreimal Fischern ausweichen. Die halbe Nacht bin ich auf, weil Boote im Alarmbereich des Radars sind. Doch kleiner stellen kann ich ihn wegen den wenigen schnellen Fähren nicht.
Am frühen Abend und nach Mitternacht hat es genügend Wind um die Motoren ganz abzustellen. Die Stimmung ist fantastisch. Der Mond scheint durch den Nebel und die Blue Bie zieht unbeirrt ihre Bahn.
Dienstag, 5. September
Ich schlafe bis um 9.00h – immer wieder alle Stunde aufstehend –und esse etwas kleines zum Frühstück. Ich mache den ganzen Morgen gar nichts und sitze am Mast und lasse einfach die Zeit und Gedanken an mir vorbeiziehen. Total friedlich. Langsam wird das Wetter besser, der Nebel wird dünner und ich merke wie ich südlicher komme. Dann taucht Mallorca plötzlich vor mir auf. Die Navigation ist heute schon viel langweiliger als früher. Kein raten, ob es Mallorca oder Menorca ist – ich kenne meine Position auf 10m genau! Die erwartete Ankunftszeit ist mitten in der Nacht. Ich mache mit mir einen Deal: Vor 2.00h laufe ich ein, danach schlafe ich auf See. Die Ankerbucht ist einfach anzulaufen. Obwohl ich keine Eile habe, würde ich natürlich schon lieber ruhig vor Anker als auf See schlafen.
Der Wind wird nochmals etwas stärker. So setzte ich neben dem Gross (und den Motoren) noch die Genua. Das bringt nochmals 2 Knoten mehr Fahrt und die Blue Bie zischt mit 8 kn durch das Wasser und um 1.00h fällt der Anker in Puerto Sóller.
Mittwoch, 6. September
Heute morgen treffe ich Tanja auf der Terrasse ihres Hotels. Sie bleibt nach einem verlängerten Wochenende noch zwei Tage bei mir auf der Blue Bie. Sehr gross scheint der Ort wirklich nicht zu sein, denn kaum lege ich mit dem Dinghi an, steht Tanja schon dort. Nach einem ausgiebigen Frühstück legen wir los. Bei leichten Winden treiben wir im Gegenuhrzeigersinn um Mallorca. Port Andratx oder San Telmo zum Übernachten ist die Frage. Gemäss Reiseführer ist Port Andratx völlig unerklärlich beliebt bei deutschen Politikern und Medienschaffenden, obwohl es nicht einmal einen Sandstrand hat. Also San Telmo. Eine kleine Ankerbucht in der wir bestens ein Plätzchen finden, der dann sehr grosszügig wird als die meisten Ankerlieger vor Sonnenuntergang nach Hause gehen.
Ich versuche Spaghetti nach einem Rezept zu kochen. Aber wenn ich Salbei mit Herbes de Provences und Wodka mit Grappa ersetzt, kann ich nicht erwarten, dass es gleich gut schmeckt wie zu Hause! Und habe ich schon gesagt, dass ich den Steuerbordmotor nicht mehr starten konnte L
Donnerstag, 7. September
Heute habe ich Geburtstag und wir planen nach Palma zu fahren, um meinen Geburtstag gebührend zu feiern und ich gerne einen Elektriker meinen Motor anschauen lassen möchte. Also segeln wir Richtung Palma, wo wir gegen 16.00h ankommen. Ich funke die erste Marina an – nein kein Platz. Das geht bei allen 6 Marinas so. Das darf doch nicht wahr sein! Ich brauche einen Elektriker und Tanja muss auf den Flughafen. Doch es nützt alles nichts. Es hat keinen Platz. Auch die Nachbarhäfen sind alle voll – oder sagen ‚sorry – no catamarans’.
So motoren wir mit dem einen Motor wieder 3 Stunden zurück nach Port Andratx, dem ersten Hafen der auch eine grosse Ankerbucht hat. Das vom Reiseführer gescholtene Port Andratx! Auf dem Weg mache ich mich wohl oder übel in den Motorenraum und will damit beginnen, die Verkabelung des Startermotors systematisch zu prüfen. Schon bald sehe ich eine gebrochene Verbindung und kann sie mit einer Lüsterklemme provisorisch reparieren. Und siehe da, der Motor läuft! Nach dem Palma Ärger jetzt doch ein Riesenhochgefühl, dass ich den Motor selber reparieren kann.
Und Port Andratx? Hat zwar nicht viel zu bieten, aber eine gemütliche Hafenzeile mit mehr als einem Dutzend guten Restaurants direkt am Strand/Hafen. So stossen wir um 21.00h auf meinen Geburtstag und die Motorenreparatur an und ich beschliesse am Freitag hier zu bleiben.
Freitag, 8. September
Um 6.30h fahre ich Tanja bei einem wunderbaren Vollmonduntergang mit dem Dinghi zum bestellten Taxi, welches tatsächlich pünktlich bereit steht. Ich bin doch noch etwas müde und gehe nochmals liegen. Bei einem Frühstück an Land sehe ich, dass das Cappuccino Café gratis WLan Zugang bietet. Also zurück auf das Boot, den Laptop holen, Büroarbeit machen und mailen. 3 Stunden und drei Espressi verbringe ich im Cappuccino Café. Die Hafenzeile von Port Andratx ist richtig gemütlich und ich liebe es! Ich rufe von einer Telefonzelle nochmals die Häfen in Palma an um einen Platz für Samstag zu ergattern, so dass ich Tomas am Sonntag am Flughafen abholen kann. Ich habe mehr Zeit zum Plaudern und erfahre, dass 3 Marinas keine Katplätze haben und der vierte nur einen einzigen! Dieser ist am Samstag frei und ich reserviere ihn.
Heute kann man auch die Langfahrtsegler und die Charterer gut unterscheiden. ‚Wir’ Langfahrtsegler bleiben mehr als eine Nacht, während die Charterer im Laufe des Vormittags auslaufen. Am Nachmittag kümmere ich mich wieder um die Blue Bie. Der eine Alternator lädt nicht und nach dem Erfolg mit dem Startermotor am Vortag versuche ich auch das selber zu reparieren und schaffe es, denn es ist nur ein Kabel herausgerutscht! Jetzt funktioniert alles wieder! Am Abend gehe ich wieder an Land essen. Ich habe per Zufall das teuerste Restaurant am Platz erwischt – aber schon Wein bestellt. So bleibe ich und das Rindsfilet mit Entenleber (€18) ist etwas vom Besten was ich die letzten Monate gegessen habe und jeden Euro wert – einfach ein Genuss!
Samstag, 9. September
Heute nehme ich es gemütlich, gehe einkaufen, mailen und lichte gegen Mittag den Anker. Gemütlich segle ich unter Gross und Gennaker Richtung Palma als die Gewitterwolken immer drohender werden. Noch hat es nicht viel Wind und ich lasse den Gennaker stehen um möglichst rasch nach Palma zu kommen. Ich mache alles sturmfest und ziehe die Schwimmweste an. Der Wind frischt leicht auf und ich beobachte angestrengt die Boote, welche vom Gewitterwind zuerst erreicht werden sollten. Doch der Wind dreht nicht und das Gewitter verzieht sich langsam.
So laufe ich bei bestem Wind Palma an und quetsche mich zwischen zwei andere Katamarane. Keine Faust hätte mehr hineingepasst. Die Yachtläden, wo ich Ersatzteile bestellen wollte, sind bereits alle zu und so gehe ich mit dem Bike in die Stadt. Doch auch die absolut sehenswerte Kathedrale ist bereits geschlossen. So gönne ich mir einige Tapas in der Altstadt und gehe früh schlafen. Vor lauter Gewittervorbereitung habe ich ganz vergessen zu essen und bin entsprechend erschöpft.
10. - 17. September
Nachdem ich Tomas am Flüghafen abgeholt habe, legen wir gleich los. Natürlich hat es wieder einmal Wind gegen uns und wir segeln hart am Wind der Küste entlang. Die ersten beiden Nächte ankern wir vor grösseren Dörfern, wo wir abends jeweils essen gehen. Wir segeln lange und kommen recht gut voran. So beschliessen wir am dritten Tag nach Menorca zu segeln, da der Wind zu unseren Gunsten gedreht hat. Der Wind bläst mit 20kn und die Blue Bie fliegt mit einem Reff mit 9-11 kn Richtung Menorca. Ich habe schon etwas den Bammel, so lange bin ich noch nicht so schnell gesegelt. In Menorca angekommen wollen wir in die Marina der Hauptstadt gehen – doch die hat bereits Winterbetrieb und es gibt keinen freien Platz. Weder für uns noch für andere Boote. So kreuzen wir weitere 2 Stunden zu einer Ankerbucht. Draussen rollt eine grosse See, doch kaum um das Kap umgibt uns der grösste Frieden und ich koche gemütlich Hamburger zum Znacht.
Jeden Tag hat es Gewitter und Sonne und es hat sehr unregelmässigen Wind. So setzen wir am Donnerstag die Segel um eine Bucht von Pollensa nach Alcudia zu segen. Doch schon kommt wieder eine Gewitterwand und wir haben gerade noch Zeit die Schwimmwesten anzuziehen. Schon ist die Wand da und die Blue Bie fliegt mit 15 kn dahin – uns viel zu schnell und wir fühlen uns überhaupt nicht wohl. So nehmen wir alle Segel herunter und motoren weiter nach Alcudia, wo wir ankern.
In der Nacht ziehen immer wieder Gewitter mit Sturmböen bis zu 30kn durch. Morgens um 6.00h passiert es: Der Anker hält nicht mehr. Zum Glück ging ich nicht mehr in’s Bett als der Wind zulegte und wir konnten sofort reagieren. Im strömenden Regen und heulenden Sturm lassen wir die Maschine an und versuchen den Anker zu heben. Doch ich ziehe den Anker zu fest hoch, so dass sich der Hahnepott verklemmt. Den können wir nur noch mit dem Messer losschneiden. Derweil hält Tomas die Blue Bie auf Position. Als der Hahnepott mit dem Messer losgeschnitten war, versuchten wir den Anker zu heben. Doch dieser ist unter eine andere Ankerkette gerutscht und auch wir rutschen langsam aber sicher gegen das andere Boot. Dann ein Schlag und die Backbordmaschine stellt ab. Wir müssen eine Leine erwischt haben. Doch nur mit einem Motor kann Tomas die Blue Bie nicht mehr halten und wir treiben gegen das andere Schiff. Ich versuche verzweifelt, den Anker den ich bis auf Wasserhöhe bringe aus der anderen Kette zu befreien. Doch vergebens. Uns schlägt es gegen das andere Boot und ich beschliesse, den Anker sausen zu lassen. Das gelingt und weitere 10 Minuten später sind wir frei.
Wir beschliessen in den schützenden Hafen zu gehen und kriegen vorübergehend Asyl an der Tankstelle. So schnaufen wir erst mal durch und machen einen Kaffee, bevor wir Inventar machen: Backbord Maschine läuft nicht mehr, Anker weg, Schaden am Schiff haben wir keinen und Schaden am anderen Schiff unbekannt. So gehe ich einen Espresso und Regenschauer später tauchen und begutachte den Propeller: Da ist keine Leine drin und er zeigt nur leichte Kratzspuren von der Kette des anderen Bootes (oder unseren eigenen). Nochmals gutgegangen. Den Anker holen wir vorerst nicht, denn es regnet immer wieder in Strömen. Gegen 10.00h schont es etwas und wir gehen mit dem Dinghi und einer Flasche Champagner zum anderen Boot und den Anker suchen. Auch dem anderen Boot hat es nichts gemacht und wir entschuldigen uns. Als wir uns seiner Ankerkette entlang hangeln, finden wir unseren Anker. Zum Glück haben wir auf nur 3 Meter Wassertiefe geankert und ich kann problemlos heruntertauchen, eine Leine am Anker befestigen und ihn hochholen. So ist es nochmals gut gegangen, doch das schlechte Gefühl bleibt: Der Anker hat nicht gehalten und ich weiss nicht, wann und wie ich ihm vertrauen kann. Dieses Gefühl wird wohl nicht so schnell vergehen.
Was kann ich daraus lehren? Dass die Formel Wassertiefe x 5 = Ankerkettenlänge bei sowenig Wasser nicht funktioniert! Auch wenn wir 20m Kette draussen hatten, war das zu wenig. Dabei habe ich 60m im Ankerkasten und kann sie problemlos verwenden, solange nicht andere Boote allzu nahe sind. Auch die Lagerung des Zweitankers muss ich optimieren. Und heute, einige Tage später, mit herrlichem Sonnenschein, 30° und einigen problemlosen Nächten vor Anker erscheint die ganze Episode wie ein schlechter Traum. Da hoffe ich doch sehr, dass die Lehren länger anhalten!







