Balearen - Alicante
Montag, 2. Oktober
Nach zwei Wochen Urlaub mit Cécile auf der Blue Bie ist wieder einmal arbeiten angesagt. Heute sollte Pepe, der Elektriker/Mechaniker kommen. Ich wache zwar erst um 9.00h auf, aber von ihm ist noch weit und breit keine Spur. So geniesse ich den Morgen mit Lesen, denn es gibt im Moment auf der Blue Bie nichts zu tun. Um 14.00h kommt Pepe und wir besprechen die Arbeit.
Am Nachmittag verbessere ich die Davids und ersetze das Schwertfall. Dazu muss ich tauchen, um das neue Schwertfall einzufädeln. Da sehe ich, dass ein Propeller fehlt! Vor zwei Tagen hat es etwas komisch getönt und ich habe gedacht, es ist die Stopfbuchse und wollte es dem Mechaniker zeigen. Ob es eine Spätfolge des Malheurs vom Ankermanöver ist? Immerhin hat der Propeller noch zwei Wochen gehalten. Ich werde es nie erfahren. Zumindest kann ich jetzt einen Satz hoffentlich bessere Propeller beschaffen, denn die bisherigen haben wirklich nicht brilliert!
Dienstag, 3. Oktober
Heute beginnt Pepe den Service an den Motoren, demontiert die Alternatoren und Wärmetauscher und prüft alle Schläuche (einige sind alt und werden ersetzt). Nur die Wasserpumpen lassen wir sein. Nachdem diese in Barcelona revidiert wurden und im Moment laufen, machen wir gar nichts daran.
Als beide Motoren so richtig demontiert sind, wird der Wind immer stärker und pfeift bald mit 20 kn. Mir wird mulmig, denn wenn der Anker nicht hält, kann ich nicht einmal davonmotoren. So gebe ich noch mehr Ankerkette und habe jetzt 40m draussen. Um noch mehr Sicherheit zu haben, setze ich den zweiten Anker an 20m Kette und 40m Trosse. Zur Sicherheit tauche ich beide Anker noch ab. Der erste Anker hat sich seit der Kontrolle von gestern um 50cm bewegt und c. 30cm tiefer eingegraben und auch der zweite hat sich gut eingegraben. Das sieht doch vertrauensvoll aus! In der Zwischenzeit sind Sturmböen mit bis 36kn durchgezogen.
Ausser warten kann ich nichts tun und um 17.00h lässt der Wind nach. Auf dem Weg zum Essen gehe ich noch auf einen Schwatz beim Nachbarboot vorbei. Keine 15 Minuten später sind 4 Crews versammelt. Zwei Männer haben brasilianische Freundinnen. Beide loben Brasilien und würden nie in die Karibik fahren und der eine lobt seine Freundin und der andere schimpft lauthals. Tja, auch das ist nicht besonders einfach! Es ist so gemütlich, dass ich nicht mehr an Land fahre und mir vor dem Einschlafen eine Mitternachtssuppe koche.
Mittwoch, 4. Oktober
Heute ist ein ruhiger Tag und ich geniesse es sehr, dass ich meine Lieblingswochenzeitschrift, den ‚Economist’ von hinten bis vorne lesen kann. Früher war ich bei Erscheinen der neuen Ausgabe kaum zur Hälfte durch, heute schaffe ich den ganzen Economist in einer halben Woche. Daneben fand ich Zeit zum Einkaufen, für ein Nachmittagsschläfchen und den Cockpittisch neu zu ölen. So ein richtig gemütlicher und zufriedener Tag.
Donnerstag, 5. Oktober
Heute hat mein Gottenkind Dominique ihren 6. Geburtstag gefeiert. Die Karte die ich am Sonntag abschickte kam rechtzeitig an und ich habe mit ihr telefoniert – wir haben uns beide sehr darüber gefreut. Es macht langsam richtig Spass mit ihr zu telefonieren, denn sie plaudert frisch von der Leber weg.
Sonst war es irgendwie nicht so ein guter Tag. Ich kann mich nicht richtig entscheiden, welchen Propeller ich nehmen und wer ihn montieren soll. Über einen österreichischen Segler könnte ich von einem deutschen Propellerspezialisten einen Propeller kommen lassen und ihn gemeinsam im Wasser montieren. Gute Auswahl, schwieriges Prozedere und eine Selbstmontage der ich nicht so recht traue. Über Pepe kann ich einen Maxpro Propeller beziehen der von ihm fachgerecht, aber an Land montiert wird. Auswahl gegen saubere Arbeit und beides kostet viel Geld. Ich habe mich schliesslich für den Maxpro entschieden, wird er doch unter anderem in alle Swan’s eingebaut. Doch er ist erst in circa 2 Wochen da. Also nochmals zwei Wochen auf Mallorca und dann schauen wie es weitergeht. So bin ich ab meiner Unentschlossenheit den ganzen Tag irgendwie nicht so richtig happy und ziehe mir zum Nachtessen einen Spionagekrimi rein. Der bringt mich auf andere Gedanken.
Freitag, 6. Oktober
So langsam gewöhne ich mich an den Gedanken, dass ich nicht so schnell von Mallorca weg komme. Nicht nur das, sondern ich beginne mich auf die zwei Wochen zu freuen, die ich noch auf Mallorca verbringe. Es gibt noch einiges zu sehen, das ich nicht gesehen habe.
Am späten Vormittag ruft Pepe an und teilt mit, dass er erst am Samstag kommt. Auch gut, es reicht gerade noch um auf die Blue Bie zurück zu fahren, mich umzuziehen und den Bus nach Palma zu erwischen. Doch was ich eigentlich brauche, kriege ich nicht, dafür finde ich einiges anderes.
Samstag, 7. Oktober
Heute revidiert Pepe die Elektroinstallation und montiert die revidierten Alternatoren. Am Abend laufen beide Motoren wieder – einer hat sogar einen Propeller! So bin ich ausreichend mobil um die nächste Woche nicht in Porto Colom zu verbringen. Von allen Ortschaften auf Mallorca die ich kenne, ist Porto Colom die schläfrigste und hat keinen WiFi Zugang! So plane ich am Montag Richtung Bucht von Palma und Port Andratx loszulegen.
Sonst mache ich nicht viel, mein Spionagekrimi beschäftigt mich noch immer.
Sonntag, 8. Oktober
Mit dem Bike gehe ich in das 20km entfernte Porto Christo um die Drachenhöhlen zu besichtigen. Das ist eine wirklich beeindruckende 1.2km lange Tropfsteinhöhle mit abertausenden von Tropfsteinen und einem der weltgrössten unterirdischen Seen. Es geht in der Gruppe und zum Schluss spielen sie auf dem See noch ein Lifekonzert mit klassischer Musik.
Früher wäre ich hingefahren, hätte die Höhlen besichtigt und wäre sofort wieder abgerauscht. Heute geniesse ich es, eine Stunde früher dort zu sein, einen Kaffee zu trinken und das Ambiente auf mich wirken zu lassen. Im Ort ist noch Markt und ich erstehe für 5 Cents Peperoncini für meine nächsten Spaghetti Aglio, Olio & Peperoncini. Zum Znacht gibt’s eine Pizza mit Ziegenkäse, Baumnüssen, Honig & Apfelscheiben – zur absoluten Nachahmung empfohlen J
Montag, 9. Oktober
Nach mehr als einer Woche in Porto Colom gehe ich wieder ankerauf. Zuerst gehe ich noch mit Pepe auf einen Kaffee und bespreche die Details für die Propellermontage. Der Kran ist für den 20-23. Oktober bestellt. Da es der Stellplatz in Palma komplett voll ist, geht die Blue Bie als letztes Schiff am Freitag aus dem Wasser und als erstes Schiff am Montag wieder zurück. Ich segle unter Gross und Gennaker Richtung Südosten, immer schön vor dem Wind. Die viele Ankerei hat einen Nachteil – ich kann kein Frischwasser am Steg nachfüllen. Die Dieselautonomie beträgt rund 2-3 Monate. Die Frischwasserautonomie aber nur 2-3 Wochen. So lasse ich erstmals den Wassermacher laufen und mache in 30 Minuten ebensoviele Liter Wasser.
Am Abend will ich in der wunderschönen Bucht von Es Trench ankern. Zuerst lege ich den Anker auf eine Felsplatte, aber sehe es beim Tauchen. Danach geht er wunderbar auf eine grosse Sandfläche nieder und gräbt sich bestens ein. Doch ich bin ganz alleine in der 3 km langen Bucht und es ist mir zu einsam! So fahre ich um das Kap in die Bucht von San Jordi wo ein kleiner Yachthafen und eine kleine Stadt ist. Als ich merke was abgeht, werde ich ein wenig böse auf mich. Aber es ist gut, dass ich es merke und solche Gefühle ernst nehme. Ich glaube, das nächste Mal werde ich in der einsamen Bucht ankern. Es ist schon witzig: sobald Leute herum sind – auch wenn ich nur zuhöre und nicht mit ihnen spreche, fühle ich mich nicht einsam.
Dienstag, 10. Oktober
Nach einem kurzen Frühstück gehe ich früh los Richtung El Arenal. Da es anfangs nicht viel Wind hat motore ich, ehe ich Gross und Gennaker setzen kann. In El Arenal angekommen ankere ich vor dem Yachthafen, der im Gegensatz zum Ort selber einer der schicksten von ganz Mallorca ist. So schick, dass man nicht einmal mit dem Dinghi hinein darf.
Abends gehe ich schauen, was es mit dem Ballermann so auf sich hat. Im Gegensatz zu Magaluf, wo die Engländer in kleinen Pubs den ganzen Tag Bier trinken, hat es hier zwei riesige Biergärten / Discos mit Life-Auftritt von Nino de Angelo, Jürgen Drews und einer Boney M Kopie. Bevor die beginnen, bin ich nach einem guten Nachtessen bereits im Bett!
Noch vor dem Nachtessen zieht eine tiefe Wolkenbank auf und ich fühle mich unsicher mit der Blue Bie relativ exponiert vor Anker.
Mittwoch, 11. Oktober
Am Morgen fahre ich zuerst mit dem Bike nach Palma ein paar Sachen kaufen. Ich kann mich überhaupt nicht entspannen, weil die Blue Bie vor Anker doch recht exponiert liegt. Es hat zwar im Moment keinen Wind, doch er könnte ja jederzeit kommen! So geniesse ich das Einkaufen nicht richtig.
Am Nachmittag frischt der Wind auf und ich kreuze aus der Bucht von Palma. Ein paar Superyachten trainieren und ich messe mich auf der Kreuz mit der sicherlich 70 Fuss langen Schweizer Yacht ‚Gliss’. Und sie kommt nicht an mir vorbei! YEP!!! Nach Cap Salinas kann ich abfallen, setze den Gennaker und mache bei 8kn Wind auf halbem Wind 8kn! Am Abend fällt der Anker in Port Andratx, wo ich ein paar Tage bleiben möchte.
Donnerstag, 12. Oktober
Am späten Vormittag kommt Christian von der Pegasus vorbei, den ich in Porto Colom kennengelernt habe. Den Nachmittag verbringen wir auf seinem Schiff, tauschen Software (natürlich nur Freeware!) und er führt mich in die Kurzwellenfunkwelt ein. Toll, was man da an Wetterberichten alles kriegt. Wir haben es zusammen mit seiner Frau Christiane so gemütlich, dass ich gerade zum Nachtessen bleibe.
Freitag, 13. Oktober
Ich glaube ja nicht an Astrologie, aber sicher ist sicher und ich mache heute gar nichts J
Samstag, 14. Oktober
Ich hoffe sehr, dass ich Ende Oktober in Malaga bin und von dort für eine Woche in die Schweiz fliegen kann. So bestelle ich diverse Sachen über das Internet, die ich in die Schweiz liefern lasse.
Am Nachmittag kommen Christiane und Christian vorbei, wir schwatzen, öffnen um 15.00h die erste Flasche Rotwein. Später gehen Christian und ich einkaufen und wir machen feine Shrimps-Spaghetti auf der Blue Bie.
Sonntag, 15. Oktober
Heute muss ich mein Portfolio mal sauber durchschauen. Erstmals seit Beginn meines Arbeitslebens habe ich Ende Monat nicht mehr Geld auf dem Konto als Anfang Monat und so muss ich mal eine Liquiditätsplanung für die nächsten paar Monate machen und das Portfolio entsprechend anlegen. Das nimmt den besseren Teil des Tages in Anspruch.
Am Nachmittag regnet es erstmals seit längerem. Ich stelle die Eimer unter die Ablauföffnung des Bimini und fasse in 90 Minuten 90 Liter sauberstes Regen-/Trinkwasser! Bei rund 6m2 Biminifläche entspricht das 1cm Regen pro Stunde.
Montag, 16. Oktober
Das Cappuccino Café ist schon genial: Für die Konsumation kriegt man gratis WLan Zugang und ich gebe die Börsenaufträge durch. Im Cappuccino spreche ich einen Mann an, der via Laptop telefoniert und frage, ob er Skype benutzt. Nein: Er ist Programmierer und Leiter Marketing eines noch nicht lancierten Konkurrenzproduktes - Goober (www.goober.com), mit dem man ab dem 1. Dezember sogar gratis in das Festnetz telefonieren kann! Wir installieren die Betaversion auf meinem Computer. Noch geht der Anruf in das Festnetz nicht, aber er verspricht, mich im Laufe der nächsten Tage freizuschalten.
Am Nachmittag arbeite ich die Pendenzenliste auf der Blue Bie ab, montiere einen automatischen Niveauschalter in der Dusche, montiere eine neue Motorenraumabdichtung, lege Gitternetze in die Backskisten damit das Wasser besser abläuft und erneuere die Dinghi Aufhängung. Es macht sich wieder Nervosität breit: Am Dienstag / Mittwoch soll es 25-40kn Wind geben! Werde ich jemals ruhig (oder vielleicht sogar non-chalant) werden, was das Ankern angeht?!? Ich kümmere mich einfach zu sehr um die Blue Bie und möchte nicht, dass ihr ein Haar gekrümt wird. Schliesslich bin ich alleine für sie verantwortlich und kann nicht auf die Selbstverantwortung wie bei meinen Mitmenschen bauen. Ausserdem würde ich es als persönliches Versagen empfinden, wenn ihr etwas passiert!
Dienstag, 17. Oktober
Der angekündigte Starkwind ist nicht gekommen. Es hat zwar kräftig geblasen, aber nicht über Gebühr. So beschliesse ich am Mittwoch eine Inselrundfahrt zu machen, doch die einzige Mietwagenfirma in Port Andratx hat keinen Mietwagen frei.
Mittwoch, 18. Oktober
Heute Nacht soll der Wind direkt in die Hafeneinfahrt drehen und ich verlege die Blue Bie in den hinteren Teil der Hafens, wo es besser geschützt ist, aber bei normalen Verhältnissen wegen den Fischerbooten Ankerverbot herrscht. Ich bin natürlich nicht der einzige mit dieser Idee und es wird recht voll. Am Abend legt sich ein englisches Pärchen recht nahe neben mich. So nahe, dass wir Fender ausbringen. So kommen wir in das Gespräch und wir plaudern bei einem Gläschen Weisswein weiter.
Eine grosse Motoryacht läuft aus und macht eine grosse Lücke zum Ankern und sie beschliessen sich zu verlegen. Da sie keine elektrische Ankerwinch haben, helfe ich ihnen den Anker von Hand hochheben. Da bin ich schon froh, dass das auf der Blue Bie elektrisch geht. Sitzt der Anker einmal nicht richtig, ist es wenig Aufwand diesen ein zweites Mal zu legen. Von Hand würde ich es mir sicher zweimal überlegen. Wir haben es gemütlich miteinander und gehen zum Chinesen eine Pekingente essen.
Donnerstag, 19. Oktober
Es hat zwar in der Nacht stark geblasen, aber Blue Bie lag ganz ruhig. Pepe ruft an um mir mitzuteilen, dass die Propeller am Freitag kommen sollten und alles bereit sein müsste, um die Blue Bie am Freitag abend aus dem Wasser zu nehmen. Der Wetterbericht verheisst für morgen Freitag starken Südwestwind mit 2m Welle der genau in die Bucht von Andratx hineinläuft. Da laufe ich lieber heute bereits aus, segle drei Stunden um das Kap und ankere über Nacht in Magaluf, das gut von den Wellen geschützt ist. Gedacht, getan und ich segle nach dem Mittag los. Bereits jetzt hat es rechte Wellen und ich segle nur unter Genua, da es nicht weit ist und die Blue Bie vor dem Wind auch so 6kn läuft.
Abends ruft Pepe nochmals um mitzuteilen, dass die Propeller doch nicht kommen L Er wisse nicht genau wann, aber nächste Woche Montag oder Dienstag sollte es mit dem Kran klappen.
Freitag, 20. Oktober
Dann bin ich halt vergebens nach Magaluf gesegelt. Doch bei dem starken Seegang gehe ich nicht nach Andratx zurück und so mache ich das Bike klar und radle nach Palma. Das Beiboot ist mit dem Bike ganz schön gefüllt und ich muss vorsichtig fahren, dass das Bike keine Salzwasserdusche kriegt. Aber ich finde neben dem Bike jeweils auch noch ein Plätzchen für mich. Auf dem Weg nach Palma schaue ich noch in ein Tauchgeschäft hinein. Nach einer Stunde Diskussion erfahre ich plötzlich, dass nächste Woche das ganze Material der Schule zum Occasionspreis verkauft wird. Noch eine Stunde später kann ich es bereits heute haben. Und so sattle ich auf dem Rückweg von Palma die Tauchausrüstung auf meinen Rücken und nachher mit dem Bike in das Dinghi. Ich habe gemeint, ich habe keinen Rücken mehr!
Samstag, 21. Oktober
Heute lese ich viel und geniesse das Nichtstun. Es ist schon schön, sich einfach der Zeit und den Gedanken hingeben zu können ohne etwas tun zu müssen. Erst dann beginnen die Gedanken so richtig zu fliessen und das richtige Buch kann das nur unterstützen – in diesem Fall das Buch ‚The Notebook’ von Nicholas Spark.
Sonntag, 22. Oktober
Heute hole ich die am Mittwoch oder Donnerstag verpasste Inselrundfahrt nach. Die Natur ist unheimlich schön: Zartgrüne Pinien vor roter Erde und dunkelblauem Wasser, knorrige silbrig-grüne Olivenbäume auf Dutzenden von kleinen bewässerten Terrassen, Ahornalleen und die teils Berge der Sierra Tramontana. Dazu herzige Dörfer wie Valldemossa und Sóller, es ist einfach nur schön.
Montag, 23. Oktober
Magaluf ist voll in britischer Hand. Und so geniesse ich ein original ‚English Breakfast’. Am Nachmittag plaudere ich noch mit einer pensionierten Schweizerin, die ganz allein mit ihrer 12m Yacht unterwegs ist. Früher hoch bis nach Holland und jetzt vor allem im Mittelmeer – Chapeau!
Nachher rufe ich Pepe an, um zu erfahren, wie es mit dem Kran aussieht. Good news: Die Propeller sind da. Aber wir haben ein Problem: Die Besitzerfirma des Krans wechselt diese Woche die Hand und der Kran wird diese Woche nicht im Betrieb sein. Das darf doch nicht wahr sein! Jetzt habe ich die Propeller aber keinen Kran L Ich habe drei Optionen: Die Propeller von Tauchern montieren lassen, nach Alicante zu segeln und dort die Blue Bie aus dem Wasser nehmen oder auf den Kran in Palma warten. Pepe verspricht, sich um die Taucher zu kümmern und mich morgen anzurufen.
Gefrustet fahre ich nach Puerto Portals in das Internet Café. Wie soll ich es so bis zum 31. Oktober in die Schweiz schaffen um mit Cécile ihren Geburtstag zu feiern L Ich habe unterdessen ein goober Account, mit dem ich tatsächlich in die ganze Welt gratis telefonieren kann. So spreche ich erst mit Cécile und dann mit Tomas. Weil ich mich auch noch bei Skype angemeldet habe, meldet sich Sibylle eine ehemalige Klassenkollegin aus ihrer Heimat Oregon. Erstmals seit Jahren sprechen wir miteinander am Telefon. Moderne Kommunikation ist schon cool und das Gespräch hat mich richtig gefreut. So endet der Tag ganz positiv und ich fahre entspannt zurück auf die Blue Bie.
Dienstag, 24. Oktober
Ich war so entspannt, dass ich nicht einmal gemerkt habe, dass es in der Nacht mit 25kn geblasen hat. Ich habe voll durchgeschlafen und wurde erst um 7.30h von den ersten Sonnenstrahlen geweckt. Noch kein Grund aufzustehen, ich drehe mich nochmals um und gehe um 9.00h frühstücken.
Heute trifft mein Lieblingswochenmagazin, der ‚Economist’ mit drei Tagen Verspätung ein und so lese ich fast den ganzen Tag. Am Nachmittag spreche ich mit dem Kranbetreiber, doch der kann auch noch nichts sagen. Pepe kann die Taucher nicht auftreiben und so denke ich immer mehr über die Option Alicante nach. Ich vereinbare mit Pepe, dass er mir morgen die Propeller bringt, so bin ich flexibel.
Mittwoch, 25. Oktober
Der Wetterbericht spricht von zunehmenden Winden aus Südost und so verziehe ich mich von Magaluf um die Ecke wieder nach Port Andratx. Pepe bringt die Propeller und wir stellen den Alternator noch besser ein. Der nichtfunktionierende elektrische Stop der Backbord Maschine kann er auch nicht beheben, da muss ich ein Teil ersetzen. Ist weiter kein Problem, ich muss einfach kurz in den Motorraum zum Motor abstellen. Man gewöhnt sich an vieles!
Vom Kran in Palma gibt es keine Neuigkeiten und so beschliesse ich, morgen nach Alicante zu segeln. So könnte ich es auf den 31. Oktober doch noch in die Schweiz schaffen. Abends gehe ich wieder mit Jeff und Sally essen.
Donnerstag, 26. Oktober
Um 6.30h lege ich ab und vom vorderhand noch kräftigen Wind zu profitieren. Doch statt aus Süd kommt er aus Südwest und ich muss hart am Wind segeln und kann Alicante nicht direkt anliegen. Doch Blue Bie segelt unter gerefften Segeln bestens und ich kann sie getrost dem Autopiloten überlassen. Gegen den Wind ist die Seglerei doch nass und ich habe das leichte neue Ölzeug an, wenn ich raus gehe. Aber das ist eigentlich nur selten nötig und ich bin meistens in der Kajüte, von wo ich einen super Rundblick habe.
Gegen Mittag nimmt der Wind ab, so dass ich erst ausreffen kann und später sogar Motoren muss. Gegen Abend kommt wieder Wind auf und ich mache mir mein Nachtessen. Ich habe keine Lust zu kochen und so gibt es spanischen Schinken, Brie und Brot. Ab 21.00h lege ich mich jeweils für eine Stunde schlafen und überlasse den Ausguck dem Radar und das Steuern dem Autopiloten.
Freitag, 27. Oktober
Nach Mitternacht beginnt es mit 20-25kn zu blasen. Diesmal von hinten, ich binde zwei Reff in das Grosssegel und die Genua und die Blue Bie rauscht ohne Anstrengung mit 9 Knoten durch das Wasser. Doch das kriege ich kaum mit, denn sie fährt sehr ruhig und fast lautlos. Es ist überhaupt nichts los bis ich Richtung Denia komme. Dort kreuzen sich zwei Schiffahrtsstrassen und ich habe plötzlich 9 Schiffe gleichzeitig in Sichtweite. So bleibe ich eine Stunde wach, doch Kollisionskurs gibt es keinen. Im Laufe des Morgens wird der Wind immer schwächer und die Zeit bis nach Alicante immer länger. Doch gegen Mittag komme ich an und mache mich bereit für die Hafeneinfahrt.
Erstmals seit über einem Monat brauche ich wieder Festmacher und Fender. Ich funke den Hafen an – und ja, sie haben Platz für mich. So lege ich mich längs an den Steg und kann beim Hafenmeister auch gerade das Auswassern organisieren. Das sollte am Montag klappen. Genial, da kann ich am Dienstag nach Hause fliegen und ich rufe Cécile mit der frohen Botschaft an. Doch ihre Botschaft war weniger erfreulich und so gibt es eigentlich überhaupt keinen Grund am 31. Oktober zu Hause zu sein L Trotzdem werde ich ich am 31. nach Hause fliegen, denn ich freue mich meine Freunde wieder zu sehen.
Samstag, 28. Oktober
Ich bin schon heute schon niedergeschlagen und ich kann mich nicht so richtig motivieren. So hänge ich etwas herum und mache nicht viel. Doch irgendwie eröffnet es auch neue Chancen. Wie sagt eine Buchwidmung so schön: „Was immer du tust, mache es mit ganzem Herzen“. Das kann oder muss ich jetzt wohl machen!
Und plötzlich habe ich immer mehr Ideen, was ich noch alles machen könnte. Mal schauen wo das hinführt. Zumindest gibt es nicht nur negatives und ich erhalte per Mail viel Unterstützung von guten Freunden.
Sonntag, 29. Oktober
Heute montiere ich probehalter den neuen Propeller. Doch was sehe ich da: Ein Teil, das gemäss Propellerhersteller zur Welle gehört, ist mit dem alten Propeller weggeflogen. Na ja, wenn die Werft es nicht hat, dann montiere ich die Propeller halt erst nach meiner Schweizreise – ich habe ja jetzt alle Zeit der Welt. Ich könnte dann gerade auch neue Ruderlager machen und montieren lassen. Outremer hat mir diese zwar seit 3 Monaten versprochen, aber wie einige andere Sachen ist nichts gekommen. Sehr zuverlässig sind sie im After Sales Service wirklich nicht.
Am Abend treffe ich mich wieder mit Jeff und Sally zum Nachtessen. Sie sind mit dem Flugzeug von Mallorca nach Alicante gekommen um Freunde zu besuchen.
Montag, 30. Oktober
Ich gehe zur Werft, doch der Kran ist vorderhand noch mit einem anderen Schiff belegt. Ausserdem sieht er so schmal aus, dass ich ihn zu Fuss abmesse – doch es müsste reichen. Erst einmal grosses Kopfschütteln wegen dem fehlenden Teil. Das müssen sie erst ausmessen und dazu die Blue Bie aus dem Wasser nehmen, dann bestellen und in zwei Wochen montieren. So nehmen wir die Blue Bie aus dem Wasser um die Propellerwelle und das Ruderlager auszuwechseln. Doch plötzlich ist das Teil da und wir können die Propeller montieren. Typisch, wenn man es nicht eilig hat, funktioniert es plötzlich!
Beim Zuwasserlassen schauen wir noch auf die Waage: Die Blue Bie wiegt 5 Tonnen und das mit vollen Wasser- und Dieseltanks. Das entspricht den Prospektangaben, ich habe eigentlich mit einer Tonne mehr gerechnet. Die Probefahrt mit den neuen Propellern verläuft super: Bei Marschfahrt ist sie etwa 10% schneller und bei mehr Leistung ist sie bis zu 30% schneller als mit den alten Propellern – und die vestellbare Steigung ist perfekt eingestellt.
Am Abend gehe ich noch Weihnachtsgeschenke für meine Gottenkinder einkaufen. Es kann ja nicht sein, dass sie an Weihnachten nichts vom Götti kriegen! Und morgen geht's nach Hause. Schon komisch: 'Nach Hause', dabei habe ich ja gar keinen Hausschlüssel. Ja, die Blue Bie ist wirklich mein Zuhause geworden.




