Der Weg zur Blue Bie
Mit dem Traum der Weltumsegelung ging auch eine lange Phase von Literatur- und Prospektstudium einher. Dutzende von Bootsprospekten mit einer breiten Palette von Booten hat mir der Pöstler gebracht. Schon bevor ich ernsthaft ein erstes Boot betreten habe, habe ich mich für einen Katamaran entschieden. Über die Vor- und Nachteile von Katamaranen und Einrumpfbooten wurde schon viel geschrieben und ich möchte nicht nochmals alle Vor- und Nachteile aufzählen. Für mich war die stabile Plattform (ein Katamaran rollt kaum vor Anker oder auf den Passatwindstrecken), der Wohnraum und das geringe Gewicht im Verhältnis zum Wohnraum ausschlaggebend. Abgesehen vom Wohnraum erscheinen mir diese Argumente für einen Einhandsegler doppelt wichtig. Katamarane können kentern! Ich weiss, doch immerhin schwimmen sie auch in gekentertem Zustand!
Für einen Analytiker wie mich, war das der richtige Moment ein detailliertes Anforderungsprofil zu schreiben. Doch wie soll ich ein Anforderungsprofil schreiben, wenn ich keine Erfahrung habe, wie man für eine so lange Zeit auf einem Boot lebt? Gar nicht! So gingen mein Vater Walt und ich Ende Oktober erstmals nach Südfrankreich um verschiedenartige Occasions-Katamarane anzuschauen. Wir hatten die 'richtige' Reihenfolge gewählt: Jeder war schöner und grösser als der vorhergehende! Dies hat nicht gerade geholfen, die Wahl einzuengen, oder doch? Schnell habe wir gemerkt, dass die Grossserienkatamarane à la Lagoon oder Fontaine Pajot im Bereich 38-40 Fuss zwar eine enorme Wohnfläche und viele Schlafplätze bieten, aber der ganze Platz für die Kojen und WCs verwendet wird. So hat sich an diesem Wochenende die Wahl recht schnell auf zwei Modelle eingeschränkt: Die Outremer 43 und die Catana 42. Beide sind etwas grösser und damit im Seegang stabiler als die zu ähnlichen Preisen gehandelten 38-40 Füsser, aber aus verschiedenen Gründen: Die Catana 42 ist mit ihren 15 Jahren schon ein älteres Modell, dafür sehr geräumig. Die Outremer 43 ist zwar noch etwas länger hat sehr schlanke und nicht allzu hohe Rümpfe und bietet ungefähr gleich viel Platz wie die 38-40 Füsser. Da sie viel weniger Kojen und Toiletten hat, bietet sie mehr Stauraum und ist um einiges leichter. Mit ungefähr derselben Segelfläche ist sie deshalb einiges sportlicher. Und diejenigen die mich kennen, wissen, dass ich da nur schwer nein sagen kann.
Aber welches dieser beiden Modelle? Ende November ging ich wieder nach Südfrankreich um die beiden Boote und eine weitere Catana 42 anzuschauen, welche aber in einem schlechten Zustand war. Beide wurden nicht allzu häufig gebaut und so musste ich schnell feststellen, dass mein Plan, mir erst eine Marktübersicht zu verschaffen und dann im Frühjahr mit der konkreten Suche zu beginnen, nicht funktionieren wird. Vielmehr hatte ich von beiden Modellen ein sehr gut gepflegtes und unterhaltenes Exemplar gesehen und musste feststellen, dass ich kaum innert nützlicher Frist ein ähnlich gutes Exemplar finden würde. So wusste ich, dass es eines dieser beiden Boote sein soll. Doch welches? Sie waren so wenig vergleichbar! Am Schluss war es eine Bauchentscheidung: Auf der Outremer 43 hatte ich mich immer sehr wohl gefühlt, es hat im Kopf und Bauch gestimmt. Auf der Catana 42 hat der Kopf gesagt: Die ist auch schön und hat erst noch viel mehr Platz, doch der Bauch war nie voll dabei.
So habe ich mich nach weiteren zwei Wochen für die Outremer 43 'Blue Bie' entschieden. Mitentscheidend war sicherlich, dass der bisherige Eigner und ich uns von Beginn sehr gut verstanden haben. Er war und ist noch immer sehr hilfsbereit. Seine Art hat sehr viel dazu beigetragen, dass ich so schnell den Zugang zur Blue Bie gefunden habe. Noch vor Weihnachten hatten wir uns über die Modalitäten geeinigt. Nach einer eingehenden Prüfung durch die Werft Atélier Outremer und einem weiteren Besuch der Blue Bie an Land anfangs Februar war alles klar für eine Übergabe Ende Februar.
Es war dramaturgisch perfekt inszeniert: Als ich am 24. Februar auf die Blue Bie kam, war der Vorbesitzer schon da. Als er am Abend ging, blieb ich als stolzer Besitzer der Blue Bie an Bord. Stolz? Nein, einfach eine unglaubliche innere Zufriedenheit. Es war schon ein ganz spezielles Erlebnis. Die ersten zwei Tage war ich einfach nur da. Ich habe mich hier und da hingesetzt, gestellt und gelegt, habe dies und das in die Hand genommen und wieder abgelegt, habe einfach nur funktioniert. Ich kann mich gar nicht mehr genau erinnern, was ich wann gegessen habe! Aber es hat gepasst! So bin ich schon lange vor meinen Törn überzeugt, das richtige Schiff gefunden zu haben.
Natürlich gibt es viel Arbeit. Alle die einmal ein Schiff gekauft haben, wissen das. Das Ganze über drei Sprachen und zwei Ländern macht es nicht unbedingt einfacher: Expertenbericht, Versicherungen, Rettungsausrüstung, Homologation von Boot und Funkausrüstung – natürlich alles gemäss den Anforderungen des Schweizer Seeschifffahrtsamtes! Als Schweizer will ich schliesslich unter Schweizer Flagge fahren! Jetzt fehlt nur noch die Streichung der französischen Flagge und dann sollte einer Registrierung unter Schweizer Flagge nichts mehr im Weg stehen. Irgendwie zeigte es sich im Laufe der letzten Monate immer wieder: Es kommt meistens so wie es kommen muss und fast immer richtig!


