Bora Bora - Big Island
Bora Bora - Big Island in Google Maps (Webbrowser) und in Google Earth (separates Programm)
29. September
Hawaii liegt 2‘200 Seemeilen nördlich von Bora Bora. Typischerweise hat es auf der ganzen Strecke Passatwinde: zuerst aus Ost, dann kurz aus Südost, ehe nach der Doldrum-Durchfahrt der Passat auf Nordost dreht. Um gegen die späteren Nordostwinde gewappnet zu sein, empfiehlt es sich, im ersten Teil der Reise Weg nach Osten gegen die vorherrschenden Passatwinde zu machen.
Ich leide beim Aufwachen schon noch ein wenig unter den Nachwirkungen der gestrigen Geburtstagsfeier. Doch es hat seltenen und nicht vorhergesagten Südwestwind mit dem wir ideal nach Osten segeln können und ich raffe mich auf um die Abfahrt vorzubereiten. Wir sind früher bereit als erwartet, doch als wir um 9.00h ablegen wollen, sehe ich im Internet eine Tsunami Warnung. Kurz danach erhalte ich ein E-Mail von Wayne, der in Samoa nahe dem Epizentrum ist und eine Warnung von anderen Cruisern. Erst eine halbe Stunde später kommt die offizielle Warnung. Ich verlasse den Ankerplatz und lasse mich in der tiefen Lagune von Bora Bora hinter einer grossen Insel treiben bis Moni von den letzten Einkäufen zurück und die Gefahr vorbei ist. Schliesslich wird der Alarm aufgehoben – die Tsunami Welle erreicht gerade mal eine Höhe von 10cm. Ganz anders in Samoa, wo ganze Dörfer vernichtet wurden. Wayne hatte Glück – und ein starkes Boot. Ihr findet seinen höchst lesenswerten Bericht auf seiner Wayne's Homepage
!
So laufen wir schliesslich gegen 13.00h aus um möglichst lange vom günstigen Südwestwind zu profitieren.
30. September
Den ganzen Tag halten die moderaten Südwinde an und wir segeln gegen Osten. Gegen Mitternacht frischt der Wind auf 25kn auf und dreht auf Ost, so dass wir gerade noch Rangiroa anliegen können. Der Wetterbericht ist mittelmässig, doch wir entschliessen uns direkt nach Hawaii zu segeln. Beim Batterieladen ein paar Stunden später, stoppt der Motor plötzlich. Als ich nachschaue was los ist, sehe ich, dass der Autopilot an der Pinne ausgehängt ist und überhitzt im Anschlag dreht. Bei dem starken Wellengang ist mir eine Reparatur des Motors zu viel des Guten und wir segeln 20 Seemeilen zurück nach Rangiroa, wo wir gerade rechtzeitig zum Flutwechsel ankommen.
1. Oktober
Ich kümmere mich um den Motor und sehe, dass die Treibstoffleitung verstopft ist. Es scheint als ob Sedimente im Dieseltank im starken Seegang die Leitung verstopft haben. Die Leitung kriege ich mit der einfachsten Pumpe frei – blasen:) Den Dieselgeschmack habe ich noch einige Stunden im Mund:( Trotzdem läuft der Motor nicht, ich kann ihn nicht richtig entlüften.
So mache ich Pause, studiere das Handbuch und wir schauen den vorbeischwimmenden Manta Rochen zu und gehen in das noble Kia Ora Hotel einen Kaffee trinken.
2. Oktober
Schon vor dem Frühstück läuft der Motor: Ich habe beim Entlüften die Förderpumpe nicht genügend durchgedrückt und die Luft nicht wirklich aus dem System. Zudem bereite ich eine Notdieselversorgung vor, falls auf der Fahrt wieder Sedimente in die Dieselleitung gelangen.
Ein richtig gutes Wetterfenster scheinen wir nicht zu finden: Entweder laufen wir bei starken Südostwinden aus oder müssen in ein paar Tagen in Nordostwinden hart am Wind segeln. So entschliessen wir uns am Nachmittag nach dem Flutwechsel auszulaufen und eine etwas ruppige erste Phase der Überfahrt zu akzeptieren.
3. Oktober
Der Wind bläst seit dem Auslaufen mit 20-25kn und wir segeln mit halbem Wind mit recht viel Spray an Deck, so dass wir meist in der Kajüte bleiben. Auch in diesen Bedingungen brauche ich das Ölzeug kaum: die kurze Zeit die ich draussen bin, bin ich hinter der Kajüte und unter dem Bimini vom Spray gut geschützt. Das Steuern übernimmt zum Glück die ganze Zeit der Autopilot.
4. Oktober (206 Seemeilen)
Der Wind nimmt langsam ab. Das Leben an Bord wird komfortabler und wir geniessen es draussen zu sitzen, Fregatt- und Tropenvögel, Seeschwalben, fliegende Fische, Wolken und Wellen zu bestaunen.
5. Oktober (203 Seemeilen)
Es sind so herrliche Segelbedingungen, dass ich zwei Stunden von Hand steuere. Ich bin immer wieder erstaunt wie trimmsensitiv Blue Bie ist. Schon 10cm mehr Genua bringen eine deutliche Abnahme des Ruderdrucks. Ansonsten sind es einfach herrliche Passage-Bedingungen mit viel Zeit zum Nichtstun, zum Lesen und für Gedanken über Gott und die Welt.
6. Oktober (151 Seemeilen)
Über Nacht zieht eine Regenfront über uns hinweg und bringt die vorausgesagten Nordostwinde. Nordost? Nein, ganz leichte Nordwinde direkt auf die Nase. So machen wir einige Stunden nur ganz wenig Fahrt Richtung Hawaii. Nach dem Sonnenaufgang dreht der Wind auf Nordost und wir können hart am Wind zumindest Hawaii anliegen, auch wenn es noch nicht ganz reicht, um nach Osten vorzuhalten. Dafür hat es kaum Wellen und ich kann in aller Ruhe Omeletten zum Frühstück backen.
7. Oktober (128 Seemeilen)
Heute können wir doppelten Geburtstag feiern, den meines Pa‘s und Moni’s Bruder. Doch ein richtiger Feiertag wird es nicht, da ich entdecke, dass ein Schott im Steuerbordbug durchgefault und gebrochen ist. In jeder Welle wird der Rumpf wie eine Handorgel um 10cm eingedrückt. Gut, dass der Rumpf nicht gebrochen ist. Wir bergen die Segel und lassen uns an einem sonnigen Leichtwindtag treiben.
Es dauert einige Stunden, ehe ich erst eine Kartonschablone gebastelt und dann Versteifungen aus der Gangway, einem Backskistendeckel und einem Bodenbrett gebastelt habe. Eine elektrische Säge wäre schon angenehm, doch so arbeite ich mit Holz- und Eisensäge, Raspel und Feile. Rund zwanzig Mal pendle ich von meiner Werkbank im Cockpit zur Reparaturstelle im Bug, ehe ich drei passgenaue Stücke gefertigt habe. Ich spanne die Gangway im oberen Bereich zwischen die Rumpfwände und verschraube sie am alten Schott. Mit den beiden anderen Versteifungen fülle ich den unteren Rumpfquerschnitt vollständig aus und schraube sie vor und hinter das alte Schott. Zudem habe ich sie so unter die Längsstringer eingepasst, dass sie auch ohne Verschraubung nicht nach oben rutschen können.
Ich bin zufrieden mit der Notreparatur und nachdem wir gegen Abend wieder Segel gesetzt haben, stossen wir auf unsere Geburtstagskinder an.
8. Oktober (166 Seemeilen)
Während die Wettervorhersage für unsere Passage von Bora Bora nach Rangiroa komplett falsch war, stimmt sie jetzt fast hundertprozentig. Es ist schon sehr komfortabel, unterwegs zuverlässige Wetterdaten zu erhalten und die Passage danach planen zu können. Um das Datenvolumen klein zu halten abonniere ich den Wetterbericht jeweils für die Strecke der nächsten Woche – was nützt es mich zu wissen, was das Wetter heute in Hawaii ist? Der Wind hat gestern ‚endlich‘ nach Süden gedreht, so dass wir wieder etwas mehr Weg nach Osten gut machen können. Wir könnten sogar noch mehr nach Osten segeln, doch dann würde der Umweg zu gross.
So geniessen wir perfekte Segelbedingungen: 15kn aus Südost, die Sonne strahlt vom Himmel (und lädt die Batterien), die Reparatur des Schotts hält gut wir kommen gut voran. Alles perfekt, wenn ich nicht plötzlich ein Motorengeräusch hören würde – ein Fischtrawler keine 100m querab! Da hat unsere Wache (ich!) komplett versagt. Es vergehen kaum 5 Minuten und schon ist er nicht mehr zu sehen. Das jagt mir einen ganz gehörigen Schreck ein und ich überlege mir wie wir besser Wache gehen können ohne alle 5 Minuten Ausguck zu halten.
9. Oktober (184 Seemeilen)
Wir passieren den Äquator, das erste Mal für Moni und das zweite Mal für mich. Ich verkleide mich zwar nicht als Neptun, doch mit einem Glas Champagner stossen wir schon auf dieses Ereignis an. Auch gut, dass wir einen Katamaran mit Schwertern haben: So hängen wir nicht an der Äquatorlinie ein:) Am frühen Morgen sehen wir erste schwere Regenwolken, doch schon wieder bald strahlt die Sonne vom wolkenlosen Himmel und Ich nütze die guten Bedingungen um ein Vollkornbrot zu backen.
Wir nähern uns den Doldrums mit ihren gefürchteten Flauten. Das Wetterbild der nächsten Tage schaut sehr verwirrend aus, doch für die nächsten ein, zwei Tage sollten wir noch vernünftigen Südost bis Südwestwind haben, so dass wir uns für den Eintritt in die Doldrums und den anschliessenden Nordost-Passat nach Belieben positionieren können.
Schon gestern hat der Kühlschrank erste Aussetzer gezeigt und heute will er überhaupt nicht mehr funktionieren. Schlecht, dafür haben wir jetzt mehr als genug Strom:)
10. Oktober (176 Seemeilen)
Es ist wieder ein wunderschöner, sonniger Tag und der Südostpassat treibt uns langsam aber sicher gegen Norden. Hatten wir bis anhin eher eine gegenlaufende Strömung, so profitieren wir seit gestern vom äquatorialen Gegenstrom, der uns mit einem Knoten unterstützt. Auf dem Weg über den Äquator queren wir fünf verschiedene Meeresströme, mit deren Namen ich euch jetzt nicht langweilen möchte, die uns einmal schieben, einmal bremsen.
11. Oktober (138 Seemeilen)
Am frühen Morgen stehen grosse, abregnende Wolkentürme in unseren Weg. Da es in den Doldrums in den oberen Luftschichten kaum Wind hat (am Äquator steigt die Luft aufgrund der Erderwärmung an, fliesst in der Höhe gegen die Pole und wird unten durch die einfliessenden Nord- und Südost-Passate wieder ersetzt), ist die Zugrichtung erratisch. Eigentlich möchte ich noch weiter direkt nach Norden segeln um später einen besseren Winkel nach Hawaii zu haben. Doch das Wetter-Routing empfiehlt einen direkteren Kurs, da es die Geschwindigkeit, nicht aber den Komfort an Bord optimiert. Doch auch mir wird es zu viel, platt vor dem Wind mit 4-5kn Richtung Norden zu gondeln anstatt mit 7kn direkt nach Hawaii zu rauschen. So legen wir Ruder und nehmen direkten Kurs auf Hawaii.
Unsere kleine Pannenserie nimmt keinen Abbruch: Als ich während einer kurzen Flaute den Motor laufen lasse, kann ich zusehen wie der Alternator zu laden aufhört. Ich stelle den Motor ab und prüfe ihn, nachdem er sich abgekühlt hat. Was für ein Bild: Der Batteriekasten ist umgekippt, die Batterie liegt halb auf dem Motor, etwas Batteriesäure ist ausgelaufen und das Plus-Batteriekabel wurde von der Keilriemenscheibe teilweise durchtrennt. Aufgrund des Kurzschlusses funkt es immer wieder. Ich kann das Problem zum Glück beheben, bevor es grösseren Schaden gibt, muss aber bei Gelegenheit das Batteriekabel ersetzen und den Batteriekasten besser befestigen.
Ein Dutzend Delfine spielt mit Blue Bie und 7 Delfine springen gleichzeitig vor unserem Bug. Zu Schade, dass der Kameramann so langsam ist;) Es ist schon immer wieder ein wunderschönes Schauspiel diesen eleganten Tieren zuzuschauen wie sie aus der Tiefe herausschiessen um Luft zu holen und zwischen den beiden Bügen hin und her flitzen.
Gleichzeitig treibt eine grosse Palette vorbei; gut dass wir da nicht mit voller Geschwindigkeit hinein gerast sind! Doch das ist der einzige Unrat, den wir in langer Zeit sehen.
12. Oktober (135 Seemeilen)
Es regnet den ganzen Tag und unsere Wassertanks sind dank dem Regen wieder randvoll. Es vergeht keine Stunde ohne Regenschauer mit Böen und ich muss die Segel immer wieder umtrimmen. Doch die meiste Zeit verbringen wir wegen des Regen bei geschlossener Tür in der Kajüte, segeln wie in einem Wattebausch und nehmen die Aussenwelt nur sehr gedämpft war, spüren keinen Regen, kaum Wellen und schon gar nicht, dass wir mit 5-8kn segeln. Einmal mehr könnte mir niemand ein Einrumpfboot für eine Weltumsegelung verkaufen!
13. Oktober (138 Seemeilen)
Wir sollten eigentlich im Nordostpassat angekommen sein, doch dieser hat sich aufgrund starker Südwestwinde weit nach Norden zurückgezogen. So rauschen wir mit 10kn durch Regenschauer wieder nordwärts und werden voraussichtlich morgen auf den Nordostpassat stossen und auf Hawaii zusteuern.
Mitten im grössten Regen surft eine halbes Dutzend Pilotwale in unserer Heckwelle. Vom Namen, Aussehen und Verhalten her sind sie Wale, gehören aber zur Familie der Delphine. So gleiten diese 5m grossen Säugetiere wesentlich langsamer und weniger verspielt durch die Wellen als Delphine.
14. Oktober (50 Seemeilen)
Die Regenschauer und drehenden Winde halten die ganze Nacht an, so dass ich immer wieder aufstehe und die Segel anpasse. Ohne Vorwarnung oder Flaute dreht der Wind von Südwest auf Nord. Einige Male dreht er während der Nacht in Regenschauern noch hin und her, ehe er sich gegen Morgen aus Norden stabilisiert. Weit voraus können wir nach vier Tagen ohne Sonne erste Aufhellungen ausmachen. Wir lassen im Laufe des Tages die Doldrums hinter uns und erreichen die noch leichten Nordostpassate.
Doch ein Tiefdruckgebiet stellt sich in unseren Weg und bringt, wenn die Windvorhersage korrekt ist, die nächsten zwei Tage Flaute. In der Nacht sind die Winde so leicht, dass der Autopilot Blue Bie nicht auf Kurs hält. Um nicht immer wieder aufzustehen zu müssen, rolle ich die Genua ein und lasse uns treiben, bis gegen Morgen eine leichte Brise einsetzt.
15. Oktober (194 Seemeilen)
Erstmals seit vier Tagen scheint die Sonne wieder vom Himmel und wir können Blue Bie auslüften und trocknen. Es ist halt schon alles viel schöner bei Sonnenschein! Der Nordwind frischt im Laufe des Tages immer mehr auf und dreht langsam gegen Nordost, so dass wir direkten Kurs auf Hawaii nehmen. Gegen Abend erreicht er 15kn und ich stecke für die Nacht ein Reff ein. Es sind noch 650 Seemeilen und wir werden wohl in 3-4 Tagen ankommen.
Unser Tag ist recht ausgefüllt mit Nichts Tun, kleinen Unterhaltsarbeiten, einer Stunde am PC – Wetterbericht herunterladen und analysieren, Twitter (Blog) und Tagebuch schreiben – lesen, kochen und essen und einigen Partien Schach. Der Reparatur des Schotts ist zwar stabil, doch trotzdem dringt etwas Wasser ein.
16. Oktober (216 Seemeilen)
Der Wind hält erstmals in vier Tagen die ganze Nacht. Ich schlafe dank Radarwache fast die ganze Nacht durch und fühle mich wieder vollkommen erholt. Der Wind dreht etwas weiter nach Nordosten – so wie wir es uns erhofft haben. Es geht jetzt raumschots Richtung Hilo, unserem ersten Hafen auf Hawaii. Blue Bie streckt ihre Beine und wir segeln mit 9-10kn bei einem Wind von 15-18kn. So richtig vermisst haben wir den Gennaker auf dieser Passage nicht, wir hätten ihn nicht häufig einsetzen können und ich denke nicht, dass er uns einen Tag eingespart hätte. Ich frage mich ab und zu, ob ich das Geld dafür wirklich ausgeben soll!
Ansonsten ist alles bestens an Bord, die Routine hat sich längst eingestellt ohne dass es uns langweilig geworden wäre! Ja, ich geniesse diese Passagen schon sehr. Es ist eine kleine, in sich abgeschlossene Welt mit ihren eigenen, ganz speziellen Herausforderungen.
17. Oktober (210 Seemeilen)
Es ist ein traumhafter Tag auf See. Ein blauer Himmel mit verziert mit weissen Passatwolken spannt über der dunkelblauen See mit weiss leuchtenden Schaumkronen. Der Passat bläst unvermindert mit 18-20kn und dreht etwas weiter achterlich. So geht unser Plan für die Reise von Bora Bora nach Hawaii perfekt auf – wir rauschen mit 9-10kn Richtung Hawaii, wo wir voraussichtlich morgen ankommen werden.
Unsere Vorräte gehen langsam aber sicher zu Ende: Gestern gab es die letzten Kartoffeln als Rösti, heute gehen die Eier aus. Doch keine Bange: Pasta, Reis, Dosen und Getränke haben wir noch für Monate an Bord.
18. Oktober
Nochmals bricht ein perfekter Segeltag an. So schön das Segeln ist, mit dem Ziel so nahe freue ich mich darauf vor Anker wieder eine Nacht durchzuschlafen und überlege, ob Homeland Security unser Visum akzeptiert und uns überhaupt in das Land lässt… Im Laufe des Vormittags kommen die ersten Umrisse von Hawaii (die grösste Insel der gleichnamigen Inselgruppe, oft auch Big Island genannt) über den Horizont. Dank GPS ist es leider keine Frage mehr, ob und wann Land in Sicht kommt. Doch bevor wir Hilo erreichen, müssen wir uns ein wenig gedulden, da der Wind immer schwächer wird. Gegen Abend passieren wir schliesslich den grossen Wellenbrecher von Hilo und laufen in die hinterste Ecke der Bucht, wo es einen 100m langen Pier für Yachten in Transit hat. Diese ist komplett verwaist als wir ankommen.
So schliessen wir doppelt eine grössere Etappe unserer Weltumsegelung ab: Wir haben seit Rangiroa 2‘500 Seemeilen in 15 Tagen zurückgelegt und 10‘000 Seemeilen seit wir im Januar im Pazifik segeln – fast der halbe Erdumfang! Hier findet ihr nochmals unsere bisherige Route im Pazifik im Überblick.
19. Oktober
Hilo empfängt uns mit warmem Nieselwetter und ich gehe nach dem Frühstück einklarieren. Der Beamte der Homeland Security ist äusserst freundlich und gibt uns problemlos die maximal mögliche Aufenthaltsdauer von 6 Monaten und ein Cruising Permit für ein Jahr. Er nimmt sich alle Zeit kommt unbeamtenhaft vor den Schalter, setzt sich neben mich auf den Stuhl erklärt Formulare und Dokumente und hat Zeit für ein Schwätzchen. Ein ‚Welcome to Hawaii‘ zur Begrüssung übertrumpft er zum Abschied mit einem ‚Happy to have you here!‘
Anschliessend gehen wir noch beim Hafenmeister vorbei und bezahlen für den Hafenplatz: USD 9.50 pro Tag inkl. Dusche und beliebig viel Wasser. Auch Anna ist äusserst freundlich und gibt uns jede Menge lokale Tipps. Wir fühlen uns äusserst willkommen, wäre die Sicherheit nicht auf höchster Stufe: Wir liegen in der hintersten Ecke des Industriehafens von Hilo und dürfen ohne Sicherheitsbeamten nur gerade an unserem Pier zu Fuss gehen. Für alles andere müssen wir 50m zu einer Telefonkabine laufen um den 200m entfernten Sicherheitsbeamten anzurufen, damit er uns am Boot abholen und die 200m zum Ausgang des Hafens begleiten kann – im Auto selbstverständlich!
20. Oktober
Wir gewöhnen uns immer mehr an unsere neue Umgebung – an den Lärm der Lastwagen, welche keine 50m von Blue Bie Container holen und bringen und dass wir im ganzen Hafengelände eskortiert werden müssen. Ich gehe mit dem Fahrrad in die Stadt. Hilo hat einen älteren Stadtkern am Meer und erstreckt sich dann über mehrere Kilometer entlang der Flanke des Mauna Kea. Ohne Auto oder Fahrrad ist es praktisch unmöglich all die dezentralen Malls und Geschäfte zu erreichen. Und es gibt für mich einiges zu tun: Ich organisiere ein neues Batteriekabel, eine SIM Karte, einen Laptop Adapter und andere Kleinigkeiten.
Abgesehen vom gebrochenen Schott ist es nichts tragisches, doch ohne Kühlschrank wollen wir ebenso wenig leben wie mit einem nicht perfekten Motor. Ausserdem ist von der Passage alles feucht an Bord, doch seit unserer Ankunft zieht eine längere Landregenfront über Hawaii hinweg und wir können nichts trocknen.
21. Oktober
Spezielle Marine Zubehörgeschäfte gibt es auf Big Island nicht, doch Kuriere liefern von den grossen US Versandhändlern für wenig Geld nach Hawaii. Insbesondere Defender bietet so günstige Preise, dass die Produkte mit Versand günstiger sind als in den meisten anderen Geschäften. So verbringe ich einige Stunden im Internet um meine Shopping Liste in zwei Bestellungen umzuwandeln. Nach dem doch eher langsamen Internetzugang in Französisch Polynesien scheint das Internet hier rasend schnell und es ist eine wahre Freude. Am Nachmittag schlendere ich durch die ‚Altstadt‘ von Hilo, drei Blocks mit eklektischen Häusern aus den 20er Jahren, die etwas Walfangatmosphäre verbreiten und viele kleine Geschäfte beherbergen. Etwas touristisch, aber sehr gemütlich.
22. Oktober
Nach vier Jahren an Bord stirbt mein Laptop. Alle Eigenversuche fruchten nichts und Geld für eine Reparatur will ich nicht ausgeben. Nach einigen Anläufen kann ich immerhin die Harddisk im Backup-Laptop zum Laufen bringen und alle Daten retten. Gut, dass meine die Daten auf einer separaten Partition sind, sonst hätte ich alle Daten seit dem letzten Backup vor 6 Wochen verloren.
23. Oktober
Kitesurfen ist in Hawaii im Winter schwierig und so durchforste ich Hilo’s Surfgeschäfte nach einem Surfboard. Unglaublich, was es da für eine Vielfalt von Farben, Grössen und Formen gibt. Was ist da wohl richtig für mich und für was habe ich Platz an Bord? Ich lasse mich in das eine oder andere Gespräch verwickeln und geniesse es, mich wieder einmal in etwas neues zu vertiefen und mich einzulesen.
24. Oktober
Ich geniesse es wieder einmal stundenlang in einem Buchgeschäft zu stöbern. Umso schöner, dass es ein integriertes Kaffee mit Internet-Zugang hat. So kann ich schmökern, Treiber für meinen Computer updaten und mich bezüglich Surfboards und neuem Computer schlau machen.
Die Bestellung die ich vor drei Tagen aufgegeben habe, ist noch nicht ausgeliefert worden. Bestellen ist einfach, die Bezahlung mit der internationalen Kreditkarte ist doch etwas schwieriger…
25. Oktober
Big Island wird von 5 zum Teil noch aktiven Vulkanen gebildet und beherbergt 9 der 11 Klimazonen der Welt. Und was für Vulkane: Mauna Loa ist volumenmässig der grösste Berg der Welt, der 4‘207m hohe Mauna Kea steht mit 10‘203m höher über dem Talboden als jeder andere Berg und der Kilauea ist der gegenwärtig aktivste Vulkan der Welt. Jede Sekunde fliessen 4‘000 Liter Lava von seinen Flanken. Lihoi, im Moment noch 1km unter Wasser, wird schon bald (d.h. in rund 10‘000 Jahren) die Wasseroberfläche erreichen und Big Island vergrössern.
Der Krater liegt nur gerade 1‘300m über Meer und lässt sich mit dem Auto umfahren. Der Kraterboden liegt nur rund 100m tiefer ist topfeben und hat einen nochmals 100m tieferen inneren Krater aus dem Gase wie aus einem Kamin ausströmen. Mit dem Auto fahren wir die Vulkanflanke zum Meer herunter und fahren über die Lavafelder der 70er Jahre. Doch wo fliesst die viele Lava? Seit 1983 fliesst sie rund 20 Kilometer vom Krater entfernt aus den Bergflanken und hat die Ortschaft Kalapana vernichtet. Mit dem Auto kann man bis an 100m an die Lavazungen heranfahren und schon bald stehen wir vor einer Lavazunge, an deren Ende die Erde brennt. Unaufhaltsam wälzt sie sich langsam vorwärts und erinnert mich an einen Gletscher.
Nur zu gerne würde ich die glutrot und schnell fliessende Lava sehen – in einem Video sehen wir sie wie ein Gebirgsbach den Berg herunterfliessen. Doch diese ist zu weit weg. Entweder müssen wir für eine Wanderung ausgerüstet nochmals kommen oder das Schauspiel von Blue Bie aus betrachten, wenn wir zur Kona Küste segeln. Doch es ist auch so interessant und ich kann mich an den verschiedenen Arten von Lava kaum satt sehen. Neben der mir bekannten grobförmigen Lava hat es wunderschöne Basaltströme, welche wie dickflüssige Molasse aussehen.
26. Oktober
Am Vormittag mache ich mit der gründlichen Reinigung von Blue Bie von Bug bis Heck weiter. Beim Austrocknen sehe ich kleine Haarrisse im Rumpf beim gebrochenen Schott und wie ganz langsam Wasser eindringt. So muss Blue Bie für die Reparatur wohl aus dem Wasser:(
Es regnet immer wieder. Ich mache beim Trocknen kaum Fortschritt und mache am Nachmittag die beiden Surf Shops in Hilo unsicher, plaudere mit beiden Besitzern und Shapern um herauszufinden, welches das ideale Board für mich ist. Das wäre einfacher, wenn das Idealboard nicht schwierig zu stauen wäre...
27. Oktober
Ich entscheide mich für mein erstes Surfboard: ein kurzes Longboard, 2.50m lang und 53cm breit, von einem ansässigen Shaper gebaut. So habe ich neben dem Surfboard erst noch ein Souvenir an Hawaii. Es ist zwar etwas klein für den Anfang, aber da muss ich jetzt einfach durch. Kaum zurück an Bord bin ich im Hafenbecken auch schon im Wasser. Schon etwas wacklig, doch nach einer halben Stunde fühle ich mich etwas komfortabler und ich kann sagen: „I’m a surfer, dude!“ Na ja, wohl eher ein „Kook“, die leicht abwertende Bezeichnung für einen Surf Anfänger;) Neben dem Surfen muss ich wohl noch eine neue Sprache lernen …
28. Oktober
Ich gehe mit dem Surfboard erstmals in die Welle. Überall liest man, dass die einheimischen Surfer extrem gegen auswärtige eingestellt sind. Doch bevor ich überhaupt Hallo sagen kann, helfen sie mir bereits, wo und wie ich am besten versuche, eine Wellen zu erwischen. Es ist kein wirklich anfängerfreundlicher Spot, doch mit dem Board auf dem Fahrrad will ich nicht weiter. Doch auch so reite ich meine ersten Wellen ab – wenn auch bäuchlings :)
Am Nachmittag geht eine zweite Yacht vor Anker. Zwei Australier, die eine in San Francisco gekaufte Yacht nach Hause überführen. Wir trinken ein paar Bier miteinander und gehen auseinander. Zwei Stunden später klopft der Skipper (nicht der Besitzer der Yacht) bei uns an und bittet um Asyl für eine Nacht. Sie sind gegen Ende der dreiwöchigen Passage so aneinander geraten, dass es nicht mehr gemeinsam weiter geht.
29. Oktober
Der Skipper der anderen Yacht fliegt heute nach Australien und der Besitzer, der keine Segelerfahrung hat, ist so desillusioniert, dass er versucht die Yacht hier zu verkaufen oder allenfalls später wieder zu kommen. Schade, schade, schade. Wer ein Schnäppchen möchte, soll es mich wissen lassen…
Am Nachmittag fahre ich mit einem Mietwagen nach Honoli’i, dem besten Surfspot in der Region. Soll noch einer sagen, man kann überall surfen… Doch der Strand ist die Fahrt wert. Ich schaue den Strand und die brechenden Wellen mit meinen ersten Surfkenntnissen ganz anders an als früher. Ich komme durch die brechenden Wellen hinaus auf das offene Meer und kann einige der grösseren Wellen (die ganz grossen überlasse ich den Leuten die wissen was sie tun) bis zum Strand hinein reiten. Noch reicht es mir dies auf dem Bauch liegend zu tun.
30. Oktober
Dieselbe 24 Stunden Mietperiode erlaubt eine zweite Surfsession in Honoli’i. Während Moni den botanischen Garten besucht und bei einem Gärtner eine Ukulele-Stunde nimmt, schaffe ich es erstmals auf dem Surfboard aufzustehen und stehend auf einer Welle zu reiten. Yippee! Zwar noch wacklig, aber immerhin.
Da ich viel aus Büchern lerne, decke ich mich mit den nötigen Surfbüchern ein – ein guter Grund einige Stunden mit in der Buchhandlung zu verbringen. Schmökern, Kaffee trinken, Internetzugang und 40% Rabatt auf den Büchern - nicht, dass ich so viele Gründe dafür brauchen würde. Ich weiss mittlerweile auch, wieso die Portemonnaies in Amerika so viele Kreditkartenfächer haben: Nicht für Kreditkarten, sondern für die Dutzenden von Mitgliedschaftskarten. Ja, ich weiss, das ist in der Schweiz auch nicht anders, doch ich war dort nie einkaufen…
31. Oktober
Wir machen einen gemütlichen Tag, shoppen ein wenig und gehen mit dem Besitzer der anderen Yacht auf ein Bier. Es ist schon eine verflixte Situation – jetzt hat er ein Boot, es ist weit entfernt von zu Hause und kann es selber nicht nach Hause segeln. Wir helfen im Kleinen und erben einige Flaschen hervorragende Weine und einen Spinnaker, der dem Skipper gehörte, diesen aber nicht im Flugzeug nach Australien nehmen möchte.
Unsere Bestellungen kommen in vielen Einzelsendungen an, unter anderem Moni’s Fahrrad und ich erfülle mir in Hilo einen Jugendtraum und erstehe ein Skateboard – inkl. Off-road Räder für spätere Südpazifik-Etappen!
1. November
Wir mieten einen Allradwagen um auf den Mauna Kea zu fahren. Es ist ein Riesen-Pickup Truck mit 6.8 Liter 10 Zylinder Motor und wir brauchen in einem Tag mehr Diesel als mit Blue Bie in einem halben Jahr! Doch ohne Allrad-Antrieb darf man nicht auf den Mauna Kea.
Mauna Kea ist mit 4‘200m.ü.M. der höchste Berg auf Big Island, ist ein längst erloschener Vulkan und beherbergt heute ein Dutzend Sternwarten. Wir fahren erst durch Palmenhaine, dann durch Laubwälder mit riesigen Farnen, später durch Lavafelder mit kargem Pflanzenwuchs und schliesslich durch eine Mondlandschaft ohne eine einzige Pflanze.
Wir kommen rechtzeitig zum spektakulären Sonnenuntergang auf dem Mauna Kea an und sehen unglaublich eindrückliche Farben und Formen in dieser Höhe. Es ist beissend kalt und länger als 5 Minuten bleiben wir trotz Mütze und dicker Jacke nicht draussen. Die Luft ist ausserordentlich klar – die Luft ist in dieser Höhe 40% dünner und die Luft ist sehr trocken; genau was Astronomen wünschen.
Wir spielen Hobby-Astronom und sehen nach dem Sonnenuntergang im Besucherzentrum durch einige kleine Teleskope den Vollmond und Jupiter mit seinen vier Galileo Monden.
2. November
Ehe wir den Mitwagen zurückbringen, gehen wir nochmals nach Honoli’i surfen. Moni begleitet mich und lässt sich auf dem Board auch durch die Wellen treiben. Ich schaffe es mehrfach aufzustehen und einmal eine längere Fahrt bis an den Strand.
Am Nachmittag können wir endlich alles trocken verstauen und Blue Bie langsam für die Weiterfahrt bereit machen. Wir wollen um die Insel segeln um die Westküste von Big Island zu erkunden.





















