Musket Cove - Opua (Neuseeland)

Musket Cove - Opua (New Zealand) in Google Maps (Webbrowser) und in Google Earth (separates Programm)

22. Oktober (Etmal 194 Seemeilen)

Eigentlich dürfte ich gar nicht mehr in Fiji sein, da ich bereits gestern ausklarierte. Doch ein Tiefdruckgebiet zieht erst heute ab und lässt die Winde langsam von Süd auf Südost und in den nächsten Tagen auf Ost drehen. Ich lade den letzten Wetterbericht herunter und bin einmal mehr schnell bereit zum Auslaufen. Die ersten Meilen bis zum Malolo Pass sind trotz 25kn Wind angenehm, doch nach dem Pass läuft eine unangenehme Kreuzsee von vorne auf mich zu. Zudem fahre ich relativ hoch am Wind, so dass immer wieder Gischt in das Cockpit fliegt. Ich verbringe die ersten Stunden in der Kajüte und höre anderen Seglern zu wie sie per Funk über die Bedingungen schimpfen – sie haben grünes Wasser an Deck. Da geht es mir vergleichsweise gut!

Nach ein paar Stunden hört der Kapeffekt auf, der Wind geht auf 20kn zurück und dreht achterlicher. Ich kann draussen in der Sonne sitzen und lesen. Kochen verschiebe ich in der rauen See auf morgen und lebe von Bananen, Getreideriegeln und Studentenfutter.

23. Oktober (Etmal 203 Seemeilen)

NZ passage beginning

Es ist ein Tag auf See wie man sich ihn vorstellt: Die Sonne strahlt vom Himmel und der Wind weht ziemlich konstant, so dass ich ausser einmal ein- und ausreffen nichts zu tun habe. Ich lese fast den ganzen Tag und folge meinen eigenen Rhythmus; wache um 6 Uhr auf, frühstücke um 10 Uhr, esse um 15 Uhr ein Mittag/Nachtessen und gehe um 20 Uhr in die Koje. Als mittlerweile erfahrener Bordkoch habe ich die Kartoffeln bereits im Hafen vorgekocht und muss die Rösti jetzt nur noch braten:-)

24. Oktober (Etmal 199 Seemeilen)

Das Wetter hat sich über Nacht geändert: Der Morgen präsentiert sich grau in grau und am Nachmittag ziehen Regenböen durch. Diese bringen wechselnde Winde zwischen 12 und 25 Knoten und ganz schön Arbeit.

Trotzdem geniesse ich es alleine unterwegs zu sein. Das Wachegehen in der Nacht fällt mir dank AIS nicht allzu schwer und die Segelarbeit mache ich meistens sowieso selber. Einzig beim Kochen bin ich etwas minimalistisch und verzichte auf das Fischen. Doch von Rösti, Risotto, Ravioli und Parmaschinken lebt sich auch ganz gut!

Langsam aber sicher wird es kühler und ich ziehe mich jeden Tag etwas wärmer an. War ich anfänglich noch in der Badehose draussen, brauche ich draussen das Ölzeug und in der Kajüte sind warme Socken angesagt!

25. Oktober (Etmal 206 Seemeilen)

Nach dem gestrigen Regentag scheint die Sonne heute wieder und der Wind weht konstant mit 15-17 Knoten leicht von vorne. Da auch die Wellen zurückgegangen sind, lasse ich Blue Bie frei galoppieren und sie prescht mit 9-10 Knoten Richtung Neuseeland.

Die Temperaturen gehen weiter zurück und ich geniesse im Ölzeug ein paar Sonnenstrahlen und mein erstes Bier auf der Passage. Es fühlt sich an wie ein Frühlingstag auf dem Bodensee. Noch kann ich die Kajüte und meine Kajüte komplett trocken halten – ziehe das Ölzeug an und aus, wenn ich die Kajüte verlasse.

Zu tun gibt es praktisch nichts. Ich hatte auf der ganzen Passage noch keinen Schraubenzieher in der Hand und verschlinge stattdessen pro Tag ein Taschenbuch.

26. Oktober (Etmal 218 Seemeilen)

NZ passage end

Der Wind bleibt zwischen 10 und 15 Knoten, die Wellen gehen weiter zurück und ich lasse Blue Bie unter Vollzeug noch etwas schneller segeln. Wenn es so weitergeht, werde ich bereits morgen Abend in Neuseeland sein.

Es wird immer kühler und ich ziehe es vor in der Kabine lesend zu segeln anstatt draussen zu frieren. Da ich schon bald ankomme, bleibt die Fischerrute unbenützt.

27. Oktober

AIS warning

Um 5.00h in der Früh weckt mich der AIS Alarm: Ein 20 Seemeilen entfernter Frachter ist auf Kollisionskurs und wir werden in 48 Minuten zusammentreffen. Ich korrigiere meinen Kurs leicht um hinter seinem Heck zu passieren und spreche mit ihm über Funk lange bevor ich ihn sehen kann. Ich habe anschliessend genügend Zeit für die Morgentoilette und meinen ersten Espresso bevor ich ihn in gebührendem Abstand passiere. AIS ist wirklich genial und ich hoffe, meine Crew oder ich wären am letzten Morgen um 5.00h Uhr ähnlich aufmerksam! Auch der Radar hätte mich wesentlich später alarmiert und hätte mich dann auch viel weniger gut über den Kollisionskurs informiert.

Am späten Nachmittag runde ich Kap Wiwiki und laufe in die Bay of Islands ein. Ich habe 1075 Seemeilen in 5 Tagen und 8 Stunden zurückgelegt. Das macht im Durchschnitt 8.4 Knoten oder 205 Seemeilen pro Tag. Eine doch sehr beachtliche Geschwindigkeit für ein 43 Fuss Boot. Die Bedingungen war auch speziell, weil der Wind nicht einmal nachgelassen hat und die Geschwindigkeit nie unter 7 Knoten gefallen ist.

Gegen Abend laufe ich in Opua ein. Kurz darauf folgen Hansruedi, Luzian und Christoph auf Balena mit denen ich anschliessend einen geselligen Abend am Quarantänesteg verbringe.

28. Oktober

Jean-Yves & Balena crew

Ich komme nur schwer aus meiner Koje – es ist eiskalt und der Schädel brummt – Hansruedi hat recht – ich hätte gestern nicht so viel Salat essen sollen;-) Jean-Yves, der Blue Bie vor vielen Jahren mit seiner Frau von Australien nach Frankreich überführte, läuft auch ein und wir trinken einen gemütlichen Katerkaffee, während wir auf die Beamten warten.
Schon bald kommt der Zoll und noch viel wichtiger, die Biosecurity Behörde an Bord. Letztere ist speziell gestreng und prüft nicht nur alle Lebensmittel, sondern auch ob das Unterwasserschiff ihren Ansprüchen gerecht wird. Meines ist zwar blitzsauber, der Unterwasseranstrich ist aber bei weitem nicht in gutem Zustand wie vorgeschrieben. So warte ich gespannt das Urteil ab, ob ich zuerst auswassern und das Unterwasser neu streichen muss. Doch nein, das Unterwasserschiff wird mit keinem Wort erwähnt und auch bei Lebensmitteln sind sie gnädig. Einzig das frische Gemüse und der Honig muss ich abgeben, die Eier habe ich gestern mit Balena gegen Mehl getauscht.

Ich verhole Blue Bie vor Anker und lege mich erst einmal in’s Bett. Ich bin erschöpft wie nach einer grossen Prüfung. Die Passage hat doch lange als grosse Hürde in meinem Kopf geschwebt und hat mir mit den durchgehend windigen Bedingungen keine Pause gegönnt. Heute noch das ‚Bangen‘ auf das Urteil der Biosecurity und der grosse Temperatursturz – ich wäre nicht überrascht, wenn ich demnächst das Bett hüten würde.

So spaziere ich erst einmal durch Opua und schaue was es zu bieten hat. Mehr dazu morgen…

Opua

Opua waterside

Opua hat ziemlich genau gar nichts zu bieten. Es ist kein eigentliches Dorf, sondern eine Marina mit vielen zugehörigen Betrieben und ein Hügel mit Privathäusern. Es hat einen kleinen General Store und kein Restaurant, nur der Cruising Club bietet an 4 Abenden in der Woche etwas zu essen. Im gleichen Wetterfenster wie ich sind zwei Dutzend Schiffe eingelaufen. Jeden Tag verlässt ein anderes Boot die Marina und das Restaurant wird leerer und leerer. Es ist alles sehr ruhig und ich habe nicht das Gefühl, dass ich lange hier bleiben werde.

Opua morning mist

… vier Wochen später bin ich immer noch hier und liebe es!!! Es gibt weiterhin gleich wenig zu tun, doch ich bin in der lokalen Regattaszene integriert; gehe zweimal die Woche am Abend Regatta segeln und kenne die meisten Cruiser und Locals. Ich verbringe die Zeit insbesondere mit Mitarbeitern von Cater Marine und Northland Spars und Rigging an, die selber Cruiser oder Regattasegler sind.

Cracked chainplate

Nach 7 Jahren wird es Zeit für eine Generalrevision des Riggs von Blue Bie: Ich ersetze das ganze stehende Gut und evaluiere neue Segel bei 8 verschiedenen Segelmacher und in einem halbes Dutzend verschiedenen Materialien. Ich entscheide mich für ein Squaretop Grosssegel und mit gewobenem Spectra (Hydranet), dem bestmöglichem und natürlich auch teuerstem Segelmaterial für ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk.

New sailplan

Mit dem lokalen Segelmacher WaveSailsNZ setze ich auf eine unbekannte Firma; doch er hat für zwei America’s Cup Kampagnen für das spanische Team und ein Hochsee-Trimaran Team Segel gebaut und gesegelt. Im Gespräch spüre ich, dass er weiss von was er spricht. Bei den Neuseeländern kommt er als Italiener jedoch etwas weniger gut an. Dafür gibt es in der Segelloft jedesmal einen Espresso. Gemeinsam gehen wir Blue Bie segeln und definieren die Segel. Was anderswo ein stündiges Gespräch ist, benötigt 2 Wochen.

Nachdem zwei Wochen lang kein Boot eingelaufen ist, tröpfeln jetzt wieder Yachten herein. Viele davon kenne ich aus den letzten Monaten im Südpazifik – oder den Inseln, wie sie hier genannt werden. Andere verbringen schon seit Jahren die Wirbelsturmzeit in Neuseeland und drehen dann eine halbjährige Runde durch Tonga, Fiji, Vanuatu und Neukaledonien.

Russell vineyard

In der zweiten Novemberwoche treffen sich auch die Teilnehmer der All Points Rally. Eigentlich habe ich mich angemeldet um in Fiji einfacher ausklarieren zu können, doch das wurde dann nicht durchgeführt. Ich nehme am einen oder anderen interessanten Seminar teil, besichtige mit anderen Cruisern ein Weingut und bin fast jeden Abend an einem BBQ oder Pizzaabend. Einmal mehr merke ich, dass es unter all den Cruisern nur wenige hat mit denen ich mich wirklich gut verstehe. Ursula und Rainer von der deutschen Thule gehören dazu und es scheint mir fast als hätten wir einen Privatanlass innerhalb der Rally!

Die Zeit verfliegt und ich könnte noch lange hier bleiben. Doch ich möchte mehr von Neuseeland sehen und lichte Anker um mehr von Neuseeland zu erkunden.