Atlantiküberquerung

Etappe auf Google Earth


Samstag, 16. Dezember

Nach letzten Vorbereitungen lege ich um 11.00h ab. Die Nachbarn helfen und es geht bestens. Es weht ein herrlicher Segelwind – 20kn aus Südost bei strahlendem Sonnenschein. Ich freue mich, dass es losgeht. Nach dem Anlegemanöver kommt ein Jubelschrei tief aus mir raus und die Faust reckt sich nach oben. Es ist schon eine Leistung, soweit zu kommen und loszufahren :-)

Natürlich geht nicht alles planmässig, aber wer erwartet das schon. Neben etwas Wasser in der Bilge geht der Gang bei einem Motor nicht mehr raus. Ich kann beides beheben, doch es wird mir dabei ein wenig übel in der Magengegend. So nehme ich sicherheitshalber Seekrankheitstabletten. Es ist schon ein gutes Gefühl unterwegs zu sein. Ich hoffe, es bleibt die nächsten Wochen so.

Meine Taktik, nördlich um Gran Canaria herum zu segeln bewährt sich zumindest anfänglich: Ich habe herrlichen achterlichen Segelwind. Die nachfolgende Flaute kann ich für die Reparatur des Motors verwenden. So hat alles seine Vorteile. Gegen 18.00h kommt der Wind wieder voll durch und die Blue Bie fliegt nur so über und durch das Wasser. Erst ein, dann zwei Reff im Gross und dazu drei Reffs in die Genua. Blue Bie fühlt sich bei 25 kn noch immer nicht unterpowert an und fliegt nur so dahin.


Sonntag, 17. Dezember

Ich schlafe unruhig, denn ich weiss noch zu wenig, was die Blue Bie verträgt. Die Sonne geht in einem gelbroten Halo auf, das muss Saharasand sein, der alles dunstig erscheinen lässt. Das Meer hat alle Farben: Dunkelgrau mit weissen Schaumkronen auf Backbord, dunkelblau mit weissen Spitzen steuerbords und Backbord voraus ein silbriger Streifen, wo die Sonne reflektiert. Den ganzen Morgen pendle ich im Ölzeug zwischen drinnen und draussen, weil es heftig spritzt. Es hat zuviel Wind um zu lesen oder sonst was zu machen und so geht die Zeit mit Nichtstun und Wellen beobachten langsam vorbei.

Eine Möwe besucht mich und zieht unablässig ihre Kreise. Das erinnert mich an meinen Autopiloten und so nenne ich ihn fortan ‚Jonathan’ in Anlehnung an die Möwe Jonathan. Am Nachmittag lässt der Wind langsam nach und ich entspanne mich.


Montag, 18. Dezember

Die Nacht geht ereignislos vorbei und ich beschliesse, nur noch alle 4 Stunden aufzustehen oder wenn etwas los ist. Ich erwache sowieso jede Stunde und prüfe im Bett kurz die Wind- und Bootsdaten auf der Fernbedienung. Die Sonne geht noch milchiger auf als gestern und der Südostwind bläst entgegen dem Wetterbericht weiter, wenn auch mit 10kn weniger stark. Doch weil die Richtung stimmt, macht die Blue Bie weiterhin gute Fahrt.

Ich tue nicht viel und geniesse tagsüber die Sonne. Hunderte Gedanken gehen durch meinen Kopf doch es bleibt nicht viel hängen. An Bord ist alles bestens, einmal davon abgesehen, dass der Alternator des Steuerbordmotors ausgefallen ist. Nur die Kommunikation macht mir Sorgen: Sowohl über das Satellitentelefon wie auch über das Kurzwellenmodem kriege ich keine Verbindung zustande. Ich hoffe, meine Eltern machen sich nicht allzu viele Sorgen.

Ich habe Gesellschaft von einer Möwe und einer Schule Delfine. Mit Fischen habe ich noch nicht begonnen, da ich noch genügend Fleisch im Kühlschrank habe und keinem Fisch das Leben nehmen möchte, solange keinen Bedarf habe. Heute Abend ist es so diesig vor Wüstensand, dass ich trotz Leermond den Sternenhimmel nur zuoberst im Firmament sehen kann.


Dienstag, 19. Dezember

Was für ein Erwachen: Irgendwie tönt der Autopilot komisch. So schaue ich nach und tatsächlich, auch ohne Befehl bewegt er sich und ist ganz heiss! Sh… Den muss ich möglichst schnell ausschalten. Also ausstecken und von Hand steuern. Als ich Blue Bie soweit auf Kurs habe, versuche ich das Ruder festzustellen, was kaum geht. Trotzdem hole ich den neuen Autopiloten und stecke ihn ein. Er läuft! Doch eine Minute später dreht Blue Bie einen Vollkreis! Sh… sh… Doch zum Glück ist nur die Verpolung falsch und ich kann es durch ein Umschrauben der Kontakte korrigieren.

Da ich keinen Ersatzautopiloten mehr habe, steuere ich fast den ganzen Tag von Hand um den neuen Autopiloten zu schonen und besser herauszufinden, was das Problem sein könnte. Spielt keine grosse Rolle: Ob ich auf dem Steuersitz sitze und tagträume oder auf dem Steuersitz sitze, steuere und tagträume macht fast keinen Unterschied. Doch jetzt spüre ich die Blue Bie endlich: Obwohl sie gar nicht überlastet ist, geht das Steuern streng: Problemlos geradeaus, doch jede Kurskorrektur benötigt viel Kraft. Also reffen: Ich glaube das Problem ist katamaran-typisch: Ich kann das Grosssegel wegen den achterlichen Wanten auf halben und raumen Kursen zuwenig fieren und habe zuviel Druck im Gross. Obwohl sie aufgrund der schlanken Rümpfe nicht luvgierig ist, sind alle Kurskorrekturen sehr streng. So beginne ich bereits bei 12kn das Grosssegel zu reffen und auch die Genua früher zu reffen. Sie wird kaum langsamer aber ist SEHR viel leichter auf dem Ruder.

Ich bin schon gespannt, wie lange der Südostwind noch anhält. Seit vier Tagen bläst er unentwegt, dabei wird es jetzt langsam Zeit für den Passat. Gegen Abend ziehen aus Norden bedrohliche Wolken auf, obwohl es weiter Südostwind hat. Für zwei Stunden sinkt der Barometer. Morgens um 4.00h geht der Radar los. Kein Schiff in der Nähe, aber aus zwei Wolken regnet es. Super, dass das man dies sieht, denn so kann ich hoffentlich später auch die gefürchteten ‚Squalls’ (Regenschauer) im Passat erkennen. Einige können für kurze Zeit bis zu 40kn Wind (absolute Sturmstärke) bringen.


Mittwoch, 20. Dezember

Die Nacht war ereignislos und ich bin einige Male aufgestanden. Im Laufe des Vormittags flaut der Wind langsam ab. So reffe ich aus, doch auch so bleibe ich gegen Mittag fast stehen. Ich lasse den Motor laufen, um die Batterien zu laden, Wasser zum Duschen aufzuheizen und etwas vorwärts zu kommen. Als ich zwei Stunden später den Steuerbordmotor laufen lassen möchte, startet dieser nicht. Also ab in den Motorenraum – zum Glück hat es wenig Wind und Welle. Nach drei Stunden startet er wieder – und den gestrigen Fehler im bei der Verkablung des Alternators konnte ich auch beheben! Alles bestens.

Gegen Abend stelle ich die Motoren ab. Ich habe keine Lust bei Motorenlärm zu schlafen. So treibe ich langsam südwestwärts. Ich kann endlich meine Eltern erreichen und mitteilen, dass alles bestens ist. Aber auch jetzt ist die Satellitentelefonverbindung miserabel und sie bricht nach 30 Sekunden ab.


Donnerstag, 21. Dezember

Auch heute hat der Wind nicht zugenommen. Gegen Mittag will ich wieder den Steuerbordmotor starten um Strom zu machen. Nachdem er gestern (vorübergehend) gelaufen ist, macht er heute schon wieder keinen Wank mehr:-( Da ich bereits gestern alle Kabel und Kontakte geprüft habe und er eher zufällig wieder lief, kann es jetzt fast nur der Anlasser sein. Nach Studium des Handbuches (!) schliesse ich ihn direkt an der Batterie an um zu prüfen, ob er funktioniert. Er tut es nicht. Zum Glück habe ich einen Ersatzanlasser dabei. Doch den alten abzumontieren ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Einmal mehr sitzen die Schrauben unmöglich fest. So demontiere ich während dem Segeln einen Teil des Motors um besser heranzukommen. Nach zwei Stunden und einem fast abgewürgten Schraubenkopf ist es soweit: Der alte Anlasser ist weg und der neue ist innert 15 Minuten montiert und läuft!

So lasse ich den Motor und Wassermacher laufen, geniesse eine heisse Dusche und lade die Batterien. Auch gegen Abend kommt nicht viel mehr Wind, doch ich segle wieder. Endlich kann ich über Kurzwelle die Funkgruppe ‚Southbound II’ erreichen und erhalte so Wetterinformationen. Es ist auch eine Verpflichtung: Wenn sich eine Yacht ein, zwei Tage nicht meldet, wird eine Seenotsuche ausgelöst! In der Nacht dreht der Wind permanent. Auch ohne einen Wecker zu stellen, stehe ich alle Stunde auf um die Segel neu zu stellen.


Freitag, 22. Dezember

Nach vielen anstrengenden Segelmanövern während der Nacht bin ich ziemlich müde. Dabei müsste heute eigentlich ein Freudentag sein: Erstmals bin ich richtig im Passatwind. Doch ich kann es nicht so recht geniessen, probiere verschiene Segelstellungen aus, ehe ich mich für die Passatsegel (Gennaker & Genua, ohne Gross) entscheide. Doch auch so hat es eine recht grosse Last auf dem Autopiloten und ich mache mir Sorgen um ihn, da ich keinen Ersatz dabei habe. So steuere ich viel von Hand, obwohl ich fast einschlafe. Um 14.00h mache ich trotzdem ein Mittagsschläfchen und nachher geht es mir etwas besser.

Mit dem Passat ändert sich auch das Wasser: Es wirkt tiefer, dunkler und klarer. Es fliegen keine Vögel mehr, dafür hat es jetzt Dutzende fliegender Fische, die teils alleine, teils in Schwärmen um die Blue Bie fliegen. Auch die Sonne ist erstmals kein Energiespender mehr, sondern brennt vom Firmament, trocknet aus und macht müde.

Gegen Abend erreiche ich den ersten gesetzten Wegpunkt, die ersten 1,000 Meilen und damit einen Drittel der Atlantiküberquerung. Bis jetzt habe ich von Einsamkeit noch gar nichts gespürt und abgesehen von heute ging es mir sehr gut und ich habe die Reise sehr genossen. Ich hoffe, dieses gute Gefühl kommt bald zurück.


Passatwolken

Samstag, 23. Dezember

Dass ich keinen Ersatzautopiloten mehr habe, beunruhigt und belastet mich schon ein wenig. So habe ich einen Plan ‚B’ ausgearbeitet, um eine allfällige Lösung zu haben: 12 Stunden selber steuern, 12 Stunden mit dem Wind treiben lassen, essen und schlafen. Nicht ideal, geht länger, aber müsste funktionieren. Mit dem Plan B als Backup setze ich mich den ganzen Morgen an die Pinne und geniesse das Segeln im Passatwind. Dieser müsste für die nächsten Tage schwächer sein. So würde ich dann statt platt vor dem Wind mit leicht raumen Schoten mehr nach Süden laufen. Auf diesem Kurs läuft die Blue Bie bei wenig Wind besser.

Um 12.00h ermittle ich die Mittagsposition (tönt doch viel besser als ‚lese ich die Länge und Breite am GPS ab’!), mache die Navigation und esse etwas Kleines. Nachdem der Autopilot gestern über Tag etwas warm wurde, aber in der Nacht kühl blieb, habe ich ihm heute meinen Strohhut spendiert. Doch es hilft nur wenig, seinen Motor kühl zu halten und ich steuere wieder viel selber. So viel, dass ich selber in der Sonne sehr warm kriege. Normalerweise esse ich mein Nachtessen um 18.00h, so dass ich im letzten Tageslicht kochen kann und um 19.40h, wenn die Southbound II Funkrunde beginnt, fertig bin. Heute gibt’s Gschwellti mit Käse.


Sonntag, 24. Dezember

Wie vorhergesagt hat der Wind abgegeben. Ich habe nach dem Einnachten (wieso immer nachher?!?), den Gennaker geborgen, das Gross gesetzt und bin um 20° angeluvt um im Süden konstanteren und stärkeren Passat zu finden. Die Nacht ist ereignislos und ich schlafe recht gut und viel, was mich nicht daran hindert, nach dem Frühstück nochmals ein Nickerchen zu machen.

Die Seglerei ist jetzt schon ziemlich monoton und es kommt viel Routine auf. Vor allem das viele Steuern stört mich. Ich bin auch so blöd mitten in der Atlantiküberquerung: Ich bin schon mehr als eine Woche unterwegs und es geht sicher noch deutlich mehr als eine Woche. Ich versuche die Routine zumindest beim Essen zu brechen – was bis jetzt bestens gelingt. Ich hatte bis jetzt nichts ein zweites Mal dasselbe. Der Wind bleibt leicht und der Tag vergeht vor allem mit Gedanken an euch, liebe Freunde. Ich versuche mir vorzustellen, wie ihr heute Abend Weihnachten feiert. Obwohl ich Weihnachtslieder höre, habe ich nicht sehr viel Weihnachtsstimmung. Ich glaube, ich werde den Champagner aufmachen, wenn ich die halbe Distanz geschafft habe. Da trage ich selber etwas bei und es ist für mich dieses Jahr der grössere Meilenstein. Dafür mache ich mir ein feines Weihnachtsmenü: Rösti mit Lachs und Rahm.


Passatbesegelung

Montag, 25. Dezember

Letzte Nacht hat es mir den Gennaker zerrissen – eine etwas anderes Weihnachtsgeschenk :-( Dabei war doch wenig Wind angesagt. Unter einer Wolke gab es trotzdem 23kn Wind. Ich wollte den Gennaker einrollen und nur mit der Genua weiterfahren. Da ich platt vor dem Wind war, hat der Gennaker hinter der Genua wieder Wind gefangen und sich um sich selber gedreht. Ein erstes Mal konnte ich es lösen, ein zweites Mal nicht mehr. So bildete sich oben eine Blase im Gennaker die Wind fing. Also runter mit dem Gennaker. Doch der Wind war zu stark und ich konnte ihn von Hand nicht hereinnehmen. Dann passierte das unvermeidliche: Beim Herunterfahren von einer Welle kam ein Teil des Gennakers in das Wasser, welches ihn sofort unter das Boot riss. Ich hatte keine Chance, ihn wieder herauszuziehen, obwohl ich die Genua komplett wegrollte. So bereitete ich alles vor, um den Gennaker (inkl. Gennakerbaum, der auch gebrochen war) wegzuschneiden. Doch so einfach ist das gar nicht: Viele Leine und das Wasserstag aus Draht – und alles weit unter dem Trampolin. Als ich alle Leinen weggeschnitten hatte, versuchte ich den Gennaker nochmals hineinzuziehen. Und siehe da, Hand über Hand gelang es während den nächsten 20 Minuten, Welle für Welle ausnützend.

Doch bereits in der Luft hat es ihn zerrissen und ich werde ihn für den Rest der Überfahrt nicht mehr gebrauchen können. Da war eine ‚kurzweilige’ Nacht. Bis ich alles aufgeräumt hatte, tagte es schon fast. Entsprechend kaputt war ich tagsüber. Wenn ich mich nur auf den Autopiloten verlassen könnte: Dann würde ich einfach den Tag durchschlafen. So muss ich selber steuern und bei dem leichten Wind, der auch die nächsten Tage anhalten soll, scheint die Reise einfach nicht zu Ende zu gehen. Der Gennaker fehlt schon. Heute ist sicherlich bis jetzt der schwierigste Tag. Gegen Mittag bin körperlich und moralisch kaputt.

Doch ab dem Mittag geht es moralisch bergauf. Ich muss unbedingt von einer vorgestellten Reisedauer loslassen oder dem Stolz es in x Tagen geschafft zu haben. Dazu brauchte ich einen kleinen Trick: Habe ich vorher eine Zahl unter 6kn auf dem Geschwindigkeitsmesser mit: „oh, nein, so komme ich nie an“ quittiert, so denke ich jetzt „super, ich habe noch etwas mehr Zeit“! Und es ging nicht lange, bis ich es richtig genoss. Mentale Arbeit hilft! Gegen Abend habe ich die Hälfte der Strecke erreicht, was ich mit Spargeln, Sauce Hollandaise und einem Glas Champagner feierte.


Dienstag, 26. Dezember

Das richtige Buch von Anne Morrow Lindbergh heute Morgen hat das seine beigetragen meine Moral weiter zu heben. Sie schreibt von der Einfachheit des Lebens. Vielleicht habe ich mit Blue Bie noch immer zuviel „Gepäck“ mit dabei, obwohl mein Gepäck sicherlich schon viel leichter ist als früher. Vielleicht sind gerade deshalb Strandferien so einfach schön, weil man wirklich kaum Gepäck und materielle Güter mit dabei hat. Vielleicht muss meine nächste Reise wirklich nur mit Rucksack und öffentlichen Verkehrsmitteln sein. So verbringe ich den Tag mit Lesen (und versuche mich in der Kunst, gleichzeitig die Blue Bie zu steuern) und meinen Gedanken.

Am Nachmittag fange ich einen 1m langen Fisch. Trotz zwei Büchern kann ich ihn nicht identifizieren [wie ich heute weiss, war es ein Dorado]. In Sojasauce mariniert, kurz in Sesamöl angebraten und mit Sojasauce und Wasabi serviert mundet herrlich.


Dorado

Mittwoch, 27. Dezember

In der Nacht hat es diverse Regenschauer und ich versuche ihnen auszuweichen, was mir mit einer Ausnahme gelingt. So komme ich nicht gerade zu einer erquickenden Nachtruhe. Gemäss Wetterbericht müsste es für die nächsten Tage mehr Wind geben und tatsächlich nimmt der Wind schon früh am Morgen zu. Ich fahre deutlich weniger Segel als die Vorgabe der Werft oder die Erfahrung von Michel, aber Blue Bie fühlt sich noch immer überpowert an. Ich binde noch ein drittes Reff ein und Blue Bie benimmt sich jetzt viel gesitteter. Viel langsamer ist sie dadurch auch nicht. Seit ich mich der Langsamkeit verschworen habe, geht alles viel einfacher. Mit nur zwei Reff wäre ich zwar schneller, aber auch viel schneller müde und es ist für Blue Bie und mich noch weit. So komme ich lieber etwas später, aber erholt an.

Ich bin schon überrascht wie wenig einsam ich mich fühle. Ich fühle mich meiner Umwelt, dem Wasser, dem Schiff, den Vögeln oder Fischen stark verbunden. Ich fühle mich auch euch, meinen Freunden mehr verbunden, denn jetzt habe ich die Zeit und die Musse an euch zu denken. Der Nachmittag ist ein einziger Genuss und ich geniesse das Segeln und meinen Gedanken nachzuhängen.


Donnerstag, 28. Dezember

Diese Nacht hat Blue Bie wahnsinnig gerumpelt und gepoltert, weil Wellen unter das Brückendeck geschlagen haben oder am Rumpf vorbeirauschten. Es hat sich angefühlt wie in einem Minenzug. So habe ich nicht sehr gut geschlafen, obwohl draussen alles ruhig war. Das unangenehme ist, dass der von den Wellen verursachte Lärm unabhängig vom Wind ist. So habe ich kein gutes Warnsystem für Wetterveränderungen.

Tagsüber habe ich wieder viel selbst gesteuert. Ich war anfänglich schon frustriert wie langsam ich segelte. Also reffte ich nach dem Mittagsessen von 3 auf 2 Reffs aus. Blue Bie wurde viel schneller, aber auch wieder deutlich anstrengender zu segeln. Doch ich habe es einige Stunden durchgezogen und plötzlich spürte ich auf welche Art ich sie viel einfacher und besser steuern kann. So kann ich sie jetzt auch bei 8-10kn Fahrt mit 2 Fingern steuern. Ich habe mich heute hauptsächlich mit der Blue Bie und weniger mir beschäftigt.

Auf den Abend hin habe ich wieder ein drittes Reff eingelegt, um es dem Autopiloten möglichst leicht zu machen. Der Wetterbericht (über das Funknetz Southbound II) spricht von Gewittern und Böen. So habe ich jetzt im Moment zwei Wetterberichte. Der von Southbound II und der von meinem Pa via Satellitentelefon SMS. Die beiden Wetterberichte sind sehr detailliert und besser als was ich aus der Karte selber lesen könnte und ich mache mir gar nicht mehr die Mühe, die Wetterfaxkarten herunter zu laden. Mal schauen wie heute Nacht wird, ich werde auf alle Fälle im Salon oder auf Deck schlafen um ein besseres Gefühl für Blue Bie zu haben.


Freitag, 29. Dezember

Das war keine erholsame Nacht. Immer wieder wurde ich vom Radar von herannahenden Regenschauern gewarnt. Zweimal habe ich gerefft und nachher wieder ausgerefft. Zum Glück, denn es hatte Böen bis 28kn, wobei meine Reffs sicherlich übertrieben waren. Am Morgen reffe ich zum selber steuern weiter aus. Doch kaum habe ich ausgerefft, kommt ein riesiger Regenschauer. Zum Glück habe ich Zeit mich vorzubereiten: Wieder ein drittes Reff in Gross und Genua, Ölzeug und Schwimmweste an, Türe zu – doch es kommt kaum Wind und lediglich einige Regentropfen. Danach ist es zum Glück vorbei mit den Schauern, aber leider auch dem Wind. So treibe ich wieder ganz gemütlich Richtung Antigua und lasse bei diesem leichten Wind den Autopiloten wieder etwas mehr arbeiten.

Immer mehr kommt der Gedanke an die Zeit nach der Atlantiküberquerung. Ob bewusst oder unbewusst, es war mein grosses Ziel der letzten Monate. Es ist wie bei einer grossen Prüfung: Man ordnet diesem grossem Ziel alles unter und wenn man es erreicht, kommt die grosse Leere. Ich habe keine Pläne, einige Ideen und keinen einzigen Termin. So frei sind nicht einmal meine Gottenkinder :-) Langsam reift so ein Gedanke in mir. Will ich wirklich bereits nächstes Frühjahr weiter Richtung Pazifik? Ein erstes Schmökern hat ergeben, dass ich bereits anfangs März die Karibik Richtung Panama verlassen müsste. Ob ich das will? Mal schauen.

Heute Abend habe ich 2'000 Meilen zurückgelegt. Noch 800 Meilen bis Antigua. Je weiter ich nach Westen vorankomme, desto später geht die Sonne unter und ich verschiebe mein Nachtessen nach die Funkrunde. Im Moment ist es so warm draussen, dass ich keinen Appetit auf eine heisse Mahlzeit habe. So mache ich mir eine kalte Platte mit Aufschnitt, Käse und dazu Fruchtsalat.


Samstag, 30. Dezember

Das Meer war noch nie so wunderschön dunkelblau wie heute Morgen. Überhaupt nicht bedrohlich, sondern von tiefstem, reinsten blau. Wie immer sehe ich dutzende fliegende Fische, die durch Blue Bie aufgescheucht, durch die Luft segeln. Sie fliegen bis zu 50m weit, landen in einem Wellenkamm und fliegen nach 10cm bereits wieder weiter – und das in einem Winkel von 90° zum Landekurs. Unglaublich. Woher sie die Energie nehmen? Diese Taktik ist auch nötig und ich konnte beobachten wie sie so manchem Jagdvogel ein Schnippchen schlagen konnten. Die Vögel haben Flügel wie Greifvögel und Schwimmhäute und Körper wie Enten. Ein richtig abgeschlossenes Ökosystem mitten auf dem Ozean draussen. Durch die lange Zeit in der Natur werde ich wieder viel sensibler, höre über allen Geräuschen der Blue Bie den Flügelschlag der Vögel oder das Eintauchen fliegender Fische in das Wasser.

Der Tag vergeht wie in Trance und er ist vorbei bevor er begonnen hat. Konstanter Wind und Sonnenschein, so hänge ich meinen Gedanken nach. Dabei kommen auch immer mehr Ideen, was ich die nächsten Wochen und Monate machen könnte.


Vogel

Sonntag, 31. Dezember

Langsam scheint ein Ankommen greifbar zu werden. Der GPS zeigt erstmals wieder eine Ankunftszeit an. Logischerweise mitten in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Soll ich ausreffen, um es bis Mittwoch zu schaffen oder soll ich mich weiter von den schwachen Winden treiben lassen? Ich geniesse das dahin treiben richtig. Der einzige Grund auszureffen und mehr Fahrt zu machen, ist der Stolz, es in x Tagen geschafft zu haben sowie die vermiedene Gefahr, mich mitten in der Nacht (wenn auch nur auf Distanz) einer unbekannten Insel anzunähern. Unbekannte Strömungen können ein Boot auch ohne Segel viel schneller auf die Insel zutreiben als geplant.

Doch ich geniesse mein Robinson Crusoe Dasein und nehme es ganz gemütlich. Während der grössten Hitze des Tages steuere ich selber und überlasse ich die Pinne dem Autopiloten sobald die Sonne nicht mehr so stark scheint. Wieso sind die Autopiloten schwarz und ziehen damit die Hitze so richtig an? Ich glaube ich werde ihn silbrig lackieren.

Am Abend kommt eine grosse Schule Delfine vorbei und spielt mit Blue Bie. Wer entscheidet eigentlich, wer als Delfin durch die Meere schwimmt und mit Blue Bie spielen darf und wer als fliegender Fisch von der Blue Bie fliehen muss?!?


Montag, 1. Januar 2007

Raum und Zeit hören auf zu existieren. Die ganze Welt reduziert sich nur noch auf Blue Bie, das Meer und mich. Ich bin nur noch. Der Wind nimmt immer mehr ab. Es scheint als werde ich nie irgendwo ankommen. Habe ich gestern noch überlegt, was für eine Geschwindigkeit es braucht um am Mittwoch vor Einnachten oder Donnerstag nach Tagesanbruch anzukommen, so scheint heute ein Ankommen ausgeschlossen und ich bin hier für die Ewigkeit. Es scheint als gäbe es gar keine Zeit mehr. Eine unendlich tiefe Erfahrung.

Am Nachmittag zieht eine kleine Front durch. Dahinter kommt der Wind zurück und Blue Bie ist wieder in ihrem Element. 8, 9, 10, 11, 12kn – sie rast nur so dahin. So schaffe ich es sogar bis Mittwochabend nach Antigua. Doch es ist anstrengend, so schnell zu segeln.


Sonnenuntergang

Dienstag, 2. Januar

Der Wind hat die ganze Nacht über angehalten und Blue Bie ist unter Autopilot, wenn auch laut und holprig, gut gelaufen. Ich kann es gerade so schaffen, bis um Mittwochabend in Antigua zu sein. Während dem Frühstück läuft sie zweimal aus dem Ruder, weil das Gross unter Schmetterling back geschlagen hat. Sofort korrigiere ich von Hand, doch der Autopilot läuft schon wieder heiss. So schlinge ich den Rest des Frühstücks hinunter, um ihn möglichst bald abzulösen. Von Hand habe ich sie bestens unter Kontrolle und kann die notwendige Geschwindigkeit laufen. Aber zu welchem Preis? Ich bin hin und her gerissen zwischen verlangsamen und es zu versuchen. Um 12.00h ringe ich mich zur Vernunft durch – Übung abbrechen, Blue Bie und mich schonen. So nehme ich das Grosssegel herunter und dümple bei 22kn Wind mit 5kn Fahrt (statt 8-10kn) Antigua entgegen. So komme ich am Donnerstagmorgen nach Sonnenaufgang an. Sogar ohne Gross brauche ich drei Reffs in der Genua um die Fahrt genügend zu verlangsamen. Zum Glück habe ich so früh damit begonnen!


Mittwoch, 3. Januar

Heute ist der ganze Tag warten angesagt. Warten, bis ich in Antigua bin. Es gibt nicht viel zu tun. Der Wind ist stark und ich habe die Segel teilweise ganz weggenommen. Der Wind und die Strömung treiben mich auch ohne Segel mit mehr als 4kn Richtung Antigua. Mehr als 5kn dürfen es nicht sein, sonst komme ich vor Tagesanbruch an. So geniesse ich meinen letzten Tag auf See und schaue zurück auf die letzten Wochen und wundere mich, was die nächste Zeit wohl bringt.

Unglaublich, wie schnell die Tage verflogen sind. Ohne Log- oder Tagebuch könnte ich die einzelnen Tage gar nicht aufzählen. So viel – und doch so wenig – ist während dieser Zeit passiert. Es war eine unglaublich bereichernde Fahrt und ich bin froh, über die Entscheidungen die ich getroffen habe. Sei es bezüglich Schiff, Vorbereitung, Ausrüstung, Einhandsegeln, … Ich glaube es waren gute Entscheidungen. Abgesehen von der Kommunikation hat alles soweit gepasst und auch die Kommunikation hat für das Nötigste (Wetter) funktioniert.

Vor allem habe ich die Zeit mit mir selber genossen. Es war eine unglaublich intensive Erfahrung. Ich fühlte mich komplett in Harmonie mit der kleinen Welt um mich herum, den fliegenden Fischen, den Vögeln und Blue Bie. Und klar – habe ich mit ihnen gesprochen.


Donnerstag, 4. Januar

Es ist nochmals eine ganz ruhige Nacht. Blue Bie treibt unter stark gereffter Genua Antigua entgegen. Morgens um 4.00h sehe ich das erste Leuchtfeuer von Antigua – Land in Sicht :-) Pünktlich zum Sonnenaufgang erreiche ich Antigua und laufe in Falmouth Harbour ein. Kein Hafen, sondern eine grosse Bucht in der ich ankern werde.

Nachdem ich Anker geworfen habe, entspanne ich erst einmal. Ich bin richtig erschrocken, wie ruhig es ist. Kein Pfeifen des Windes, kein Rauschen und Dröhnen des Wassers und keiner der vielen Töne die Blue Bie beim Segeln macht. Das ist ganz ungewohnt. Nach einer Stunde gehe ich zum Zoll und Hafenmeister und melde mich an. Ich bin der einzige im ganzen Büro, der die Papiere richtig hat und werde entsprechend freundlich ‚begrüsst’. „Welcome to Antigua and have a good time!“

Der heutige Abend ist so ein Abend wie ich ihn wegen dem Alleinsein fürchte. Nach zweieinhalb Wochen auf See hätte ich heute Lust gehabt, in Gesellschaft Nachtessen zu gehen. Umso mehr als rings um mich herum viel gelacht wird. Da ich niemand hier kenne, gehe ich halt alleine essen. Das Essen war super lecker und ich gehe früh zu Bett.



Antigua

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