Mérida, Venezuela

Mittwoch, 5. September

Schon ist es wieder Zeit Abschied zu nehmen und pünktlich um 14.00h fliegt mich die Swiss nach London City. Im Flieger unterhalte ich mich bestens mit einem ehemaligen Arbeitskollegen von mir, der von einer Präsentation in der Schweiz zu einer Präsentation in London hastet. Da habe ich schon ein etwas anderes Leben und kann das Reisen so richtig geniessen :) Mit einem ehemaligen UBS Kollegen teile ich ein Taxi zur UBS, wo ich Heidi Allgaier treffe. Sie gibt mir die Schlüssel zu ihrer Wohnung direkt am St. Katharine Docks, einer meiner Lieblingsgegenden Londons. Ich geniesse den Nachmittag, spaziere um das Dock, schaue die Yachten an und wir gehen abends gemeinsam in das Chinatown essen. Nochmals ganz herzlichen Dank für die Gastfreundschaft, Heidi!


St. Katharine Docks

Donnerstag, 6. September

Frühmorgens fahre ich mit der Tube, die nach dem Strike gerade wieder rechtzeitig fährt (gewisse Sachen ändern sich wohl nie) und dem Victoria Express nach London Gatwick. Das Einchecken war dann doch etwas problematisch. Virgin Atlantic wollte mich nicht mitnehmen, weil ich kein Weiterflugticket von Grenada oder Schiffspapiere dabei hatte, welche beweisen, dass ich Grenada wieder verlassen werde und sie nicht das Risiko tragen müssen, dass ich von der Immigration nicht hereingelassen werde! Sie wollten mich verpflichten einen Retourflug zu buchen. Schliesslich gelang es mir, sie mit einem innervenezuelanischen E-Ticket davon zu überzeugen, dass ich wirklich weiterreisen werde. Der Flug war sehr angenehm, ich hatte zwei englische Damen neben mir, die mir alles über Tobago erklärten. Die eine ist vor 20 Jahren von dort nach London ausgewandert und die andere verbringt jedes Jahr einige Monate dort.

In Grenada angekommen, bin ich mit dem Mietwagen zur Blue Bie gefahren. Sie war in bestem Zustand und ausser lüften musste ich nichts unternehmen. So konnte ich mich mit der Werft um einige Arbeiten kümmern und mit den Leuten plaudern. Heinz und Irene sind am gleichen Tag mit ihrer Sunday Morning angekommen und wir haben uns auf einen kurzen Schwatz getroffen.


Freitag, 7. September

Noch immer wartet die Werft auf die Freigabe der Finne durch den Zoll. Es liegen alle notwendigen Dokumente vor, doch es passiert seit Wochen nichts. Aufgrund meiner Präsenz rufen die Werft den Agenten nochmals an und siehe da, keine 8 Stunden später sind die Finnen auf der Werft. Es braucht weder liebe noch böse Worte – die reine Präsenz scheint zu reichen.

Ich fahre zur Bank, hole mein Weiterflugticket im Reisebüro und fahre zu Budget Marine um einige Kleinigkeiten zu bestellen. Gemeinsam esse ich mit Heinz und Irene unter Palmen zu Mittag und wir geniessen meinen Geburtstag. Den Rest des Tages nusche ich auf der Blue Bie herum und gehe im Resort etwas Feines zu Nacht essen.


Samstag, 8. September

Es gibt nicht viel zu tun, ich kaufe neue Gasflaschen und lese am Strand. Ich schwimme ein paar hundert Meter zur Sunday Morning und plaudere mit Heinz und Irene. Ich fühle mich sehr wohl bei ihnen an Bord und freue mich sehr darauf, mit der Blue Bie wieder auf dem Wasser zu sein. Ein Boot fühlt sich an Land halt schon irgendwie komisch oder wie im Spital an. Es hat viele Baustellen und es ist erst im Wasser wieder richtig schön und im Element. Ich freue mich mehr als vor meiner Abreise aus der Schweiz darauf. So gesehen, hat es sich sehr gelohnt den Abstecher zur Blue Bie zu machen.


Sonntag, 9. September

Schon ist es wieder Zeit der Blue Bie adieu zu sagen. Trotzdem tue ich mich nicht schwer sie zu verlassen und nach Mérida zu gehen. Ich weiss, dass ich ja schon bald wieder bei ihr sein werde. Der Flug von Grenada nach Isla Margerita war sehr handgestrickt. Boardingpässe gab es keine, dafür eine laminierte Karte, die immer wieder verwendet wird und freie Sitzwahl. 20 Minuten nach Touchdown war die Maschine 10 Minuten vor dem planmäßigem Abflug schon wieder in der Luft!

Es wurde mir erst mulmig als nach der Passkontrolle auf Isla Margerita ein freundlicher, gut gekleideter Herr mir den Pass abgenommen hat, mit mir das Gepäck am Förderband abholt (!) und mir dann bedeutet mit ihm mitzukommen. Quer durch den halben Flughafen in ein Büro, das mit Drogenfahndung angeschrieben ist! Er und ein Frau kontrollierten die letzten Ecken meines Gepäcks. Natürlich alles auf Spanisch, dabei gehe ich doch erst in die Sprachschule ;) Sie fanden nichts. Schliesslich musste ich ein Protokoll (auf Spanisch) unterschreiben und mit zwei Daumenabdrücken bestätigen, dass sie nichts gefunden haben - so glaube ich es zumindest:) Dann ging's mit einem 10-Plätzer weiter nach Mérida - so schmal, dass ich mit den Händen beide Seiten berühren konnte; mit 2 Piloten, aber ohne Flight Attendant! Kein Wunder, dass dieser Flieger lange Zeit ausgebucht war!

Die erste Nacht verbringe ich in der Posada Alemania – Suiza, die von einem Schweizer geführt wird. Er hat mich gleich in einige Gebräuche in Venezuela eingeführt.


Montag, 10. September

Mit dem Taxi fahre ich zur Spanisch-Schule „The Iowa Institute“. Sie offerieren Spanisch und Englisch Unterricht für Einheimische und Touristen. Die Schule ist in einem alten Kolonialstilgebäude untergebracht und ich werde von Cesar herzlich empfangen und gleich einem mündlichen und schriftlichen Einstufungstest unterzogen. Ich spreche sehr flüssig und viel :), aber meine Grammatik lasse zu wünschen übrig… So werde ich die erste Woche Privatunterricht nehmen, um meine Grammatik aufzupolieren.

Nach der Einstufung werde ich von meiner Gastmutter abgeholt. Sie wohnt in einem Aussenquartier mit zehn 7-stöckigen Blöcken. Mein Zimmer ist klein und hat nicht einmal Platz für ein Pult. Dafür habe ich eine schöne Aussicht über das Tal von Mérida hinunter. Mérida ist eine interessante Stadt. In den Anden auf 1'600 m.ü.M. gelegen und von 5'000 Meter hohen Bergen eingerahmt. So eine richtig spannende Provinzstadt. Ein ewiges Verkehrschaos und viele Leute. Dafür kriegt man wirklich alles und zu unglaublichen Preisen. Ein Espresso kostet 40 Rappen!


Aussicht aus dem Zimmer

Dienstag, 11. September

Die wollen es wirklich wissen in der Schule. Morgens von 8 – 10h und nachmittags von 14-16h werde ich von zwei verschiedenen Lehrerinnen geschlaucht. Auch ohne Hausaufgaben muss ich nochmals 2-3 Stunden aufarbeiten, was ich tagsüber gelernt habe. Und Hausaufgaben gibt es auch noch…

Da kommt die lange Fahrt zu meiner Gastfamilie schon etwas ungelegen, vor allem, weil ich zu Hause zu Mittag esse und somit 4x täglich eine Dreiviertelstunde Bus fahren muss. So höre und schaue ich mich um, was für Alternativen es gibt.


Iowa Institute

Mittwoch, 12. September

Es hat eine interessante Mischung von Schülern an der Schule: Ein österreichisches Seglerpaar in meinem Alter, ein belgisches Pärchen auf einer 1-jährigen Weltreise, ein junges deutsches Studentenpärchen und eine junge Venezuelanerin, die mit ihren Eltern in Florida lebt. Wir haben es gut miteinander, aber unternehmen abgesehen von kurzen Pausengesprächen nichts gemeinsam. Ich hätte auch fast keine Zeit dazu – mein Tag ist mit Schule und Lernen schon sehr ausgefüllt. Denn etwas Zeit für mich selbst brauche ich schon. Ich laufe durch die Stadt gönne mir einen Espresso oder was Kleines zu essen (z.B. frittierte Bananen – ähnlich wie Pomme Chips) und lasse es mir gut gehen. Doch einen Ort, wo ich Energie tanken kann, habe ich noch nicht gefunden.

Dafür scheint meine Suche nach einer neuen Bleibe erfolgreich: Eine Gastfamilie in der Nähe der Schule ist ab nächster Woche frei und es hat auch zwei Posadas (Pensionen) die mir ganz gut gefallen würden. Ich entscheide mich für ersteres.


Donnerstag, 13. September

Ich laufe in der Schule schon etwas am Anschlag: In einer Woche drei neue Zeiten – und wie in allen Sprachen mit vielen Ausnahmen. Ausser lernen, schlafen und Bus fahren mache ich nicht viel. Ich merke schon, dass ich schon lange keine Schulbank mehr gedrückt habe!

Trotzdem gehe ich nach der Schule mit den Belgiern Cis und Tina auf Kaffee und Kuchen. Der Kuchen und der geeiste Fruchtsaft schmecken ausgezeichnet. Cis und Tina sind für ein Jahr auf Weltreise – Iran, Indien, Australien, Venezuela und Chile sind ihre geplanten Etappen. Es ist interessant wie ähnlich und doch verschieden unsere Erfahrungen sind. Sie brauchten auch erst einige Zeit um herunterzufahren, um ihr Reise- und Lebenstempo anzupassen. Im Gegensatz zu mir fühlen sie sich überflutet von den vielen Eindrücken, dem ständig ändernden Umfeld. Es ist für mich schon viel einfacher, weil ich mit der Blue Bie meine eigenen vier Wände dabei habe.


Mérida

Freitag, 14. September

Heute geht’s erstmals etwas besser in der Schule. Wir repetieren neu gelerntes und ich sehe, dass ich doch einiges begriffen habe. Die abendlichen Lernstunden scheinen sich gelohnt zu haben. Um 17.00h erklären wir Schüler den Spanisch-Teil für das Wochenende geschlossen, unterhalten uns ungezwungen auf Englisch und gehen nach dem Nachtessen auf ein Bier. Die Bars sind so laut, dass wir uns in ein altmodisches Restaurant zurrückziehen, wo Latino-Schunkelmusik aus den 60er- und 70er Jahren läuft. Nach Mitternacht nehme ich ein Taxi zurück nach Hause, da der letzte Bus um 23.00h fuhr.


Samstag, 15. September

Heute schlafe ich wieder einmal aus und gehe in die Stadt frühstücken. Dann gehe ich zu den Touragenturen und schaue mir mal das Angebot an: Canyoning, River Rafting, Bergwandern, jede Menge Wochenend- und Mehrtagestouren. Also langweilig sollte es mir nicht werden. Die Leute sind sehr nett und gesprächig. Zum Glück – oder leider – alles in Englisch.

Dann wechsle ich wieder etwas Dollar – in einer Fruchtsaftbar. Der offizielle Wechselkurs zum Dollar ist 2'100 Bolivares. Auf dem Schwarzmarkt erhält man in Mérida bis zu 3'800. Die Venezuelaner kaufen Dollar in Caracas in grösseren Beträgen zu 4’500-4'800. Kein Wunder: Die Sparbuchzinsen sind ungefähr gleich hoch wie in der Schweiz und die (offizielle) Inflation beträgt 10%.


Sonntag - Donnerstag, 16. - 20. September

Nach einem ruhigen Morgen ziehe ich gegen Mittag um und dann erwische ich wie angeworfen eine starke Grippe mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Ich verbringe die ganze Woche fiebrig-schläfrig im Bett, gehe zwar einige Male in die Schule, aber viel bleibt nicht hängen.

Die neue Familie wohnt gleich neben der Kirche von Belem. Diese hat zwar kein Kirchengeläut, aber morgens um sieben und abends um fünf ist Messe. Und da die meisten Häuser in Venezuela (auch die Kirchen) statt fixen Fenstern nur kippbare Glaslamellen haben, höre ich den über Mikrofon verstärkten Gesang des Pfarrers bestens im Bett. Eine sehr schöne Art aufzuwachen.


Kirche von Belen

Freitag, 21. September

Langsam kommen meine Lebensgeister wieder zurück und damit auch meine Beobachtungsgabe. Es stimmt einfach schon, dass man mit seinen Gedanken und Gefühlen sein Leben grossteils bestimmen kann. So spricht Lisbeth, meine neue Gastmutter, immer nur von Arbeiten und Putzen und siehe da, ihr Leben wird davon bestimmt.

Es passt mir soweit in Mérida und bei der Familie, doch weder im Haus noch in Mérida habe ich so wirklich einen Platz zum Wohlfühlen gefunden. In keinem Park darf man den Rasen betreten oder sich mal eine Minute hinlegen – da ertönt sofort die Pfeife eines Parkwächters. Und auch zu Hause gibt es keinen Sitzplatz ausser am Esstisch und in der Küche oder eine Ecke zum es sich etwas gemütlicher machen.


Plaza Bolivar

Samstag, 22. September

Ich habe meinen Mérida Aufenthalt etwas umgeplant und werde jetzt nochmals eine Woche Sprachschule machen, nehme dann eine Woche frei für einige Ausflüge, gehe nochmals drei Wochen in die Sprachschule und zum Schluss eine Woche Reisen. Heute Morgen buche ich einen ersten Ausflug und mache mit einem Reisebüro eine Grobplanung für die letzte Woche. Es scheint als ob mein Plan durchführbar ist. Ich sehe Victoria und Herwig, die beiden österreichischen Segler ein letztes Mal im Internet Café und lasse mich dann von der Sonne auf den Plaza Bolivar durchwärmen.

Am späteren Nachmittag schnappe ich mir das Alphorn und spiele gleich vor der Militärakademie mit wunderbarer Aussicht, aber recht viel Strassenlärm. Mérida liegt auf einem 300m hohen Felsplateau und es geht auf drei Seiten steil herunter, ehe dann auf zwei Seiten die Berge bis auf 5’000m ansteigen. Der kleine Park ist direkt am Rand des Plateaus keine 200m von meinem Haus. In einem offiziellen Park getraue ich mich nicht zu spielen, da würde ich sicher sofort weg gepfiffen werden :(


Sonntag, 23. September

Heute habe ich einen Park gefunden, in dem ich mich wohl fühle. Nicht weit von unserem Haus liegt der „Park der Poeten“ mit einem wunderschönen alten Baumbestand. Nicht gepflegt und gehegt wie die anderen Parks, sondern ungepflegt und leicht am verlottern. Kein schöner Rasen, dafür eine natürliche Wiese unter grossen alten Bäumen. Ich konnte den Duft der feuchtwarmen Erde und der warmen Bäume riechen. Es hatte keinen Strassenlärm, dafür eine wunderschöne Aussicht über den Fluss tief im Tal auf die gegenüberliegenden Berge. Ich fühle mich sehr wohl und geniesse es richtig hier Alphorn zu spielen, zu lesen und zu relaxen.

Ab und zu braucht es einfach eine Weile bis ein Platz dich findet.


Park der Poeten

Montag - Freitag, 24. - 28. September

Neben dem Spanischunterricht verbringe ich die meiste Zeit im Park, lese viel, spiele viel Alphorn und arbeite an meinem Spanisch. Nachdem ich während den letzten Wochen kaum Alphorn gespielt habe, hat es mich wieder richtig gepackt. So stark, dass ich meist zweimal am Tag spiele. Ich habe mir vorgenommen, dass ich bis Ende November endlich ein gescheites Stück spielen kann. Dazu brauche ich die Töne bis zum e". Das schaffe ich in der Tonleiter schon. Jetzt muss ich es auch in einem Lied hinkriegen. Für die hohen Töne brauche ich neben der richtigen Lippentechnik vor allem die Atemtechnik, die ich im Berner Oberland gelernt habe. Über Nacht geht es natürlich nicht und so heisst es üben, üben, üben. Doch erste Erfolgserlebnisse zeigen sich und ich kann meinen ersten Alphorngruss ansatzweise spielen.

Ich habe mich durch Erich Fromm’s „Vom Haben zum Sein durchgekämpft“. Wie seine anderen Bücher sehr theoretisch und anspruchsvoll, doch voll interessanter Gedanken. Für mich fasst der Schlusssatz fast alles zusammen: „Du bist, was du bewirkst!“


In der Sprachschule haben wir 4 neue Studenten, 20-jährige Missionare aus Amerika, die an der Universität von Mérida während einem Jahr missionarisch tätig sein wollen. Nach einer einwöchigen Spanisch-Schnellbleiche geht es los. Ich bin schon noch beeindruckt, wie sie von ihrer Sache überzeugt sind und ein Jahr ihres Lebens für diese Aufgabe opfern. Umso mehr als sie die Kosten ihres Aufenthaltes vorgängig über das Sammeln von Spenden selber finanziert haben.

Das Wetter lässt schon etwas zu wünschen übrig. Tagsüber ist es T-Shirt warm und trocken, doch gegen Mittag ziehen die Wolken auf, bedecken die Bergspitzen und jeden zweiten Abend regnet es in Strömen. Da ist wohl nichts mit Bergtouren oder einer Kletterausbildung!

Trotz dem Wetter ist es eine gute Woche und ich fühle mich wohl mit mir.


Missionare

Samstag, 29. September

Ich fahre für einige Tage nach Los Nevados, einem kleinen Andendorf. Schon um 7.15h bin ich am Abfahrtort der Jeeps. Die Fahrer und einige Jeeps sind dort, doch sie werden erst um 8.30-9.00h fahren. Ich solle erst mal einen Kaffee trinken gehen. Das mache ich – nachdem ich ein kurzes Alphornständchen gegeben habe. Um 9.30h setzt sich ein Jeep mit 12 Einheimischen und mir in Bewegung. Doch nicht lange und schon ist die erste Pause fällig. An einem Markt kaufen die Einheimischen ein. Von Empanadas als Zwischenverpflegung bis zum 50kg Mehlsack ist alles dabei. Dann ein zweiter Halt; die Ladenbesitzerin gibt uns eine Torte mit. Anfänglich geht es über asphaltierte Strassen, doch nach 2 Stunden ist es mit der Herrlichkeit vorbei und es geht über Stock und Stein – der Weg ist nur mit einer Untersetzung zu schaffen! Nach einer weiteren Pause und 6 Stunden kommen wir am Ende der Welt an. 40 Häuser und 300 meist indigene Einwohner zählt Los Nevados, auf 2’700m.ü.M. gelegen.


Posada in Los Nevados

Eine Posada habe ich schnell gefunden –es hat immerhin zwei zur Auswahl. Ich nehme die mit der schönen Aussicht und den einladenden Hängematten. Nachdem ich das Zimmer bezogen habe, lege ich mich in eine Hängematte und lasse die Zeit vorbeiziehen. Zwei andere Pärchen sind in der Posada: Segler! Und erst noch aus der Schweiz und England! Jürg und Annemarie von der Brio und Tracy und Neil von der Adonde und ihr Führer Toto. Ihre Boote liegen in Puerto de la Cruz und sie machen einen kurzen Landausflug. Wir verbringen einen unterhaltsamen Abend. Der Abend ist empfindlich kühl und ich kuschle mich nach dem Essen unter das Leintuch und zwei Wolldecken, denn eine Heizung gibt es nicht.


Seglerstammtisch auf 2'700m

Sonntag, 30. September

Nach einem ausgiebigen Frühstück verlassen die anderen Segler Los Nevados und bin ich der einzige Tourist im Dorf. Nachdem ich im Dorfladen einige Snacks gekauft habe, mache ich mich auf für eine Wanderung. Zuerst ein paar Höhenmeter hinunter zum Fluss und dann auf der anderen Seite wieder hoch auf einen Gipfel. Es begegnen mir immer wieder Einheimische: Die Frau hoch zu Pferd oder Maulesel und er hält sich am Schwanz und lässt sich hinterher ziehen. Die Wege sind sehr steil und absolut fahrzeuguntauglich. So sind Pferd und Maulesel die einzigen Transportmittel. Ansonsten bin ich ganz alleine und geniesse die grandiose Aussicht auf die umliegenden Hügel und die Rückseite des Pico Bolivar, den ich von Mérida aus immer sehe.


Los Nevados

Doch es ist eine andere Welt. Die Leute haben und brauchen nur das nötigste. Da passt meine Literatur bestens dazu: „Collapse“ von Jared Diamond, der erläutert wieso verschiedene Kulturen in der Vergangenheit untergegangen sind. Fast immer war eine zu grosse Bevölkerung im Verhältnis zu den verfügbaren Lebensmitteln und die Abholzung ganzer Wälder die Hauptursache. Das kann ich hier bestens nachvollziehen, wenn ich sehe, wie schwierig es ist, den Hügeln eine geringe Ernte abzuringen. Bei meiner Rückkehr stehen alle Pferde in Reih und Glied am Wegrand und am Hauptplatz sehe ich wieso alle Leute in das Dorf geritten sind: Es ist Dorfversammlung.


Dorfversammlung

Ein Pult wurde auf den Hauptplatz (wie überall die Plaza Bolivar) gestellt und wird als Sekretariat gebraucht. Der Grund der Versammlung ist einfach: Die Regierung in Caracas hat dem Dorf USD 400'000 „vermacht“ und jetzt überlegen die Dorfbewohner, wofür sie es einsetzen wollen. Eine Kläranlage oder neue Kommunikationsmittel stehen zuoberst auf der Wunschliste. Sie haben zwar seit 10 Jahren Strom im Dorf, aber noch kein Telefon. Dafür haben sie (für ihre 300 Einwohner) eine eigene Radiostation. Den Rest des Nachmittags geniesse ich wieder in der Hängematte und geniesse das Nachtessen ganz alleine. Die Nacht erscheint mir weniger kalt – weiss ich doch, dass die beiden Wolldecken warm genug geben werden.


Dorfversammlung II

Montag, 1. Oktober

Schon ist es wieder Zeit Tschüss zu sagen. Ich habe es hier sehr genossen. Ich erkundige mich, wann (und ob!) ein Jeep fährt. Ja, es sollte um 9.00h einer fahren, aber ausserhalb des Dorfes, weil vor dem Dorf an der Strasse gebaut wird. So mache ich mich zu Fuss auf und sehe nach einem Kilometer einen Jeep und zwei wartende Einheimische. Ich beginne zu lesen und um 10.00h kommen einige weitere Leute und es geht tatsächlich los!

Die Fahrt ist schön und ereignislos. Je näher wir nach Mérida kommen, desto mehr fällt mir auf, wie viel Luxus wir um uns herum anhäufen: Schöne Kleider, Autos, Roller, Schmuck & Schminke und vor allem wie viel Werbung es überall hat. Ich habe das Gefühl ich sei Jahre weg gewesen von dieser Welt. Sie haben gut getan, die Tage in Los Nevados. Am späten Nachmittag habe ich nochmals zwei Stunden Schule. Danach kehre ich nach Hause zurück und setze mich an meinen PC um meine vielen Eindrücke festzuhalten.


Dienstag, 2. Oktober

Was für ein spannender Tag: Er beginnt ganz normal mit zwei Stunden Schule. Nach dem Unterricht nehme ich den Bus nach Tabay. Dort soll es eine Thermalquelle haben. Nach 30 Minuten komme ich denn auch tatsächlich in Tabay an. Beim Aussteigen fragt mich ein junger Mann, wo ich herkomme und im Gespräch, wo ich hin möchte. Ich sage es ihm und er führt mich zu den wartenden Jeeps. Doch einmal mehr hat es keine weiteren Passagiere und die Jeeps warten. So warte ich auch und trinke eine Cola. Und siehe da, eine halbe Stunde später stehen einige Schulkinder da, die den Jeep für den Heimweg brauchen und es geht los. Die Thermalquelle ist schöne 37° warm, doch in ein Freibad-ähnliches Becken gefasst und es läuft andauernd laute Musik. Als ich schon fast gehen will werde ich von einem Behindertensportler angesprochen. Wir kommen in ein Gespräch und er erzählt wie er vor sechs Jahren beim Gleitschirmfliegen querschnittgelähmt wurde und wie er venezuelanischer Schwimmmeister und 15. der Weltmeisterschaft wurde. Es ist schon sehr motivierend zu sehen, wie er mit seinem Schicksalsschlag umgegangen ist. Ich hoffe es passiert mir nie und wenn, dass ich so positiv damit umgehen kann.

Für die Retourfahrt stehen keine Jeeps bereit, doch bergabwärts bin ich in einer halben Stunde zurück in Tabay. Zurück in Mérida ging ich in den Park Alphorn spielen. Wie fast jedes Mal wenn ich Alphorn spiele, werde ich von jemandem angesprochen. Heute spricht mich ein älterer Mann an, der viel Musik und Schriftsteller ist. Er lebt für einen Monat auf der Gasse um mehr darüber zu lernen wie die Leute auf der Gasse leben und ein Buch darüber zu schreiben. Es ist schon herrlich Zeit zu haben, mit den Leuten in Kontakt zu kommen und die lokale Sprache zumindest ansatzweise sprechen zu können! Solche Begegnungen prägen meine Reise.


Thermen von Tabay

Mittwoch, 3. Oktober

Mittwoch, 3. Oktober
Heute habe ich wiederum nur eine Lektion Spanisch. So geniesse ich die Zeit im Park beim Alphornspielen und Lesen und beginne meine Homepage zu überarbeiten. Ich werde etwas davon getragen und beginne mit einer grösseren Überarbeitung. Neben mehr Grafik, erstelle ich eine englische Version, sie wird immer häufiger nachgefragt! Ich werde die Berichte jeweils auf englisch zusammenfassen und die Bilder als Galerie dazu setzen, denn ich möchte nicht jeden Tag das Tagebuch übersetzen.

Gegen Abend informiert mich der Veranstalter des Ausflugs nach Los Llanos in einem E-Mail, dass der morgige Trip wegen Krankheit eines Teilnehmers um einen Tag verschoben ist. Auch gut, dann habe ich Zeit die Homepage fertig zu machen!


Donnerstag, 4. Oktober

Zum heutigen Tag gibt es nicht viel zu sagen ausser Park, Alphorn und Homepage. Die Arbeit an der Homepage geht mir gut von der Hand und ich freue mich auf die neue Version der Homepage. Ich hoffe, sie gefällt euch auch!

Ich werde jetzt erst einmal vier Tage nach Los Llanos gehen, nochmals drei Wochen in Mérida die Sprachschule besuchen und dann das Orinocco Delta und die Angel Falls besuchen. Anfangs November werde ich dann auf die Blue Bie zurückkehren und meine Reise auf dem Wasser fortsetzen.


(C) 2011 - Alle Rechte vorbehalten

Print