Peru

Meine Reise durch Peru auf Google Earth


Sonntag, 5. Oktober

Heute feiert Dominique, mein Göttikind, Geburtstag und ich will sie über Skype anrufen. Doch morgens um 9.00h sind noch alle Internet Cafés geschlossen. Doch ich habe Glück: Die Stadt hat auf allen öffentlichen Plätzen WiFi eingerichtet – und im Gegensatz zu gestern funktioniert es sogar! Danach breche ich auf um mit Taxi und Bus entlang der Panamericana von Cuenca nach Loja zu fahren. Die Panamericana ist die längste Strasse der Welt und führt von Alaska bis nach Feuerland. Ich bin ihr mit Um- und Abwegen schon in Kolumbien und durch Ecuador gefolgt. Meist ist sie eine asphaltierte, zweispurige Strasse, selten eine Autobahn und zeitweise ist sie nicht einmal asphaltiert.

Gegen Abend komme ich in Loja an. Die Stadt macht mich nicht wirklich an und ich überlege zu einem schöneren Ort in der Nähe oder mit dem Nachtbus nach Peru zu fahren. Wenn ich nicht immer so viele Optionen hätte ;) Ich entschliesse mich weiter zu fahren, denn auch ich habe nicht ewig Zeit. Um 23.00h geht der Nachtbus nach Piura. Ich schlafe mehr oder weniger und um 5.00h überqueren wir die Grenze nach Peru. Alle aussteigen, dreimal anstehen und eine Stunde später geht die Fahrt weiter – ohne dass jemand das Gepäck kontrolliert hätte...


Montag, 6. Oktober

Über Nacht ändert sich die Landschaft und die Landschaft wird immer wüstenartiger. Piura ist auch nicht gerade einladend, alles ist sandfarben und sandig. So nehme ich den nächsten Bus Richtung Trujillo. Die nächsten 6 Stunden geht die Fahrt durch eine Wüste, die mich mit viel Sand und einigen Gebirgszügen sehr an den Sinai erinnert. Hätte ich den Reiseführer gelesen, dann hätte ich gewusst, dass der 1‘500km lange Küstenstreifen Peru’s eine Wüste ist. Gegen 16.00h komme ich schliesslich in Trujillo an, rund 30 Stunden nachdem ich in Baños den Bus bestiegen habe.

Mein erster Eindruck von Peru ist schwer zu beschreiben – die Autos sind wesentlich älter und kleiner als in Kolumbien und Ecuador. Doch die Leute scheinen wohlhabender als in Peru. Zum Nachtessen gehe ich zum Italiener um die Ecke und unterhalte mich den ganzen Abend bestens mit zwei peruanischen Mineningenieuren. Ich bin schon sehr froh, dass ich die Zeit und Energie investiert habe um Spanisch zu lernen. Nicht nur, doch vor allem als Alleinreisender, wäre die Reise wesentlich weniger interessant, denn was ist ein Land ohne seine Leute?


Modern times

Dienstag, 7. Oktober

Ich bin den ganzen Tag auf zwei Ausflügen mit einer aufgestellten Gruppe peruanischer Touristen: Am Morgen besichtige ich den Mond- und Sonnentempel, welche von den Moche Indianern in den ersten Jahrhunderten nach Christus gebaut wurden. Fünf Mal wurden die Tempel neu gebaut, indem die alten Tempel mit Ziegelsteinen aufgefüllt und dann die neuen darüber gebaut wurden – jeweils fast einen Quadratkilometer gross. So sind alle ausser dem neuesten Tempel gut erhalten.


Chan Chan sculpture

Am Nachmittag erkunde ich die Tempelanlage Chan Chan, welche von den Chimu's kurz vor der Eroberung durch die Inkas im 15. Jahrhundert gebaut wurde. Die Stadt erstreckt sich über 9 Quadratkilometer und beherbert mehrere Tempel. Landwirtschaft ist in dieser Wüstenlandschaft nur durch ingeniöse Irrigationskanäle möglich. Einmal mehr zeigt es sich, dass sich die Menschheit und Ingenieurskunst nicht nur in Europa und China entwickelt haben. Zum Abschluss der Tour besichtige ich Huanchaco, den Bade- und Surfort von Trujillo. Erstmals strecke in meine Zehe in den Pazifik. Die Fischer benützen Strohkanus um durch die Brandung zu paddeln. Ich hätte Lust eines auf Blue Bie mitzunehmen, doch sie wiegen 30kg und halten nur einen Monat. Dafür können sie in weniger als einer Stunde gebaut werden!

Abends esse ich feines Ceviche (in Zitrone marinierter Fisch) und geniesse erstmals in Südamerika ein absolut geniales dunkles Bier.


Huanchaco canoes

Mittwoch, 8. Oktober

Ich gönne mir den Luxus und fahre erste Klasse mit dem Bus von Trujillo nach Lima, wo ich den Bus nach Arequipe wechsle. Die Fahrt ist faszinierend und öde zugleich: Rechts der Pazifik und links die Wüste – hunderte von Kilometer. Die Ost-/Amazonasseite der Anden erhält jede Menge Regen, doch auf der Westseite (im Lee der Passatwinde) regnet es praktisch nie und noch heute ist die wenige Landwirtschaft auf Irrigatioskanäle angewiesen.


Peruvian desert

Donnerstag/Freitag, 9./10. Oktober

Nach der langen Reise von Baños bis Arequipa spanne ich ein wenig aus, lerne die Stadt kennen und organisiere meine nächsten Touren. Arequipa ist die zweitgrösste Stadt Peru’s und hat einige gut erhaltene Gebäude aus der Kolonialzeit.


Arequipa by night

Samstag, 11. Oktober

Ich erfülle mir einen langgehegten Traum und fahre auf einer Dreitagestour zuerst zum Cruz del Condor, wo ich den Kondor, den grössten Vogel der Welt, im freien Flug beobachten kann. Um genau zu sein: Der Kondor ist mit 1.3m der grösste Vogel der Welt, während der Albatros mit 3.5m die grösste Spannweite aller Vögel hat. Ich habe Glück und fünf der heute seltenen Kondore ziehen ihre Kreise über dem steilen Colca-Canyon. Sie schweben stundenlang ohne einen Flügelschlag in der starken Thermik über dem 1‘000m tiefen Canyon. So elegant sie in der Luft schweben, so hässlich sehen sie aus der Nähe aus und können ihre Herkunft als aus der Familie der Geier nicht leugnen.

Anschliessend steige ich in einer kleinen Gruppe mit zwei Engländern, einer Australierin und unserem Führer in den Canyon herunter. Noch selten hat ein Führer das Leben der Indios so gut und interessant erklärt. Auch nach 500 Jahren Missionarsarbeit verehren die Indios noch immer Berggötter – und Gott. Sie erbringen ihre traditionellen Opfergaben an die Berggötter auf Steinaltaren im Freien, welche mit einem Kreuz versehen sind um die neuen Herren zufrieden zu stellen. Ebenso haben die Kirchen Balkone (was in der kirchlichen Architektur eigentlich verboten ist), so dass der christliche Pfarrer auf Hauptplatz hinaus predigen kann, wenn sich die Indios sonntags nicht in die Kirche begeben. Eine selten elegante Art der Einheimischen als auch des Klerus sich ohne Konfrontation einer Situation anzupassen:)

Die Dörfer im Tal haben nur wenig Aussenverbindung und jedes Dorf hat im Tauschhandel eine klare Rolle: Llama- & Alpacahaltung (Fleisch und Wolle), Früchte und Gemüse, Salzgewinnung und Handel. Erst seit dem der Tourismus etwas Geld in das Tal bringt, spielt Geld eine Rolle.


Condor

Sonntag, 12. Oktober

Nach einer gemütlichen Wanderung am Morgen und einem Bad in einer heissen Quelle am Mittag, nehmen wir am Nachmittag den erschwerlichen Aufstieg aus dem Canyon in Angriff. Der Colca Canyon ist mit 4‘500m der tiefste Canyon der Welt – unser Aufstieg beträgt zum Glück nur 1‘100 Höhenmeter. Immer wieder haben wir einen grossartigen Blick in die Tiefe das Canyons als wir Meter um Meter höher steigen. Mein Wandertraining der letzten Wochen macht sich bemerkbar und ich bin als erster oben ohne mich gross anzustrengen!


Alpaca

Montag, 13. Oktober

Noch einmal fahren wir zum Cruz del Condor um den Kondoren zuzuschauen. Wir haben weniger Glück und sehen nur einen Kondor kurz vorbeifliegen. So bin ich froh, dass ich dieses Schauspiel vor ein paar Tagen ausführlich geniessen konnte. So habe ich Zeit mit den Marktfrauen zu plaudern und das eine oder andere Souvenir zu erwerben.

Vor dem Mittagessen nehme ich ein heisses Bad in den Bädern von Chivay. Die Geologie der Anden ist sehr unterschiedlich zu den Alpen: Das ganze Gebirge ist vulkanischen Ursprungs und wurde anschliessend durch die Plattenbewegung nach oben gedrückt. Das Gestein ist viel weicher, die Flüsse graben sich tief in den Felsen ein, die Bergspitzen sind viel gerundeter und immer wieder finden sich warme Thermen die heisses Wasser aus dem Erdinnern nach oben drücken.


Market woman

Dienstag, 14. Oktober

Nach den anstrengenden letzten Tagen nehme ich es gemütlich und hänge ein wenig in Arequipa herum, kümmere mich um mein Portfolio, schreibe Tagebuch, lese und geniesse das gute Essen. In einem kleinen, aber feinen Restaurant esse ich für USD 6 ein Dreigangsmenü mit Straussencarpaccio, Alpacafilet auf Gemüse und zum Dessert ein Passionsfruchtquarkkuchen.


Arequipa - Santa Catalina

Mittwoch, 15. Oktober

Immer wieder einmal trifft man unterwegs Leute, die man gerne ein zweites Mal trifft. So habe ich im Colca-Canyon zwei Allgäuer Lehrerinnen kennen gelernt. Wir haben zwar nichts abgemacht uns wieder zu treffen, aber wie das Leben so spielt, haben wir uns gestern auf der Strasse getroffen und gehen heute gemeinsam frühstücken. Und wie – in einer Crèperie servieren sie uns ein superfeines Müesli und endlich wieder einen guten Espresso. Anschliessend lassen wir uns in einem Laden mit Handwerksbetrieb und Streichelzoo zeigen, wie aus Alpaca und Vicuna-Wolle die begehrten Kleidungsstücke gemacht werden.

Den Nachmittag bin ich mit dem Besitzer des Reisebüros unterwegs neue Wanderschuhe zu suchen. Meine alten habe ich im Colca-Canyon zu Tode gelaufen. Die Suche ist alles andere als einfach, sind doch die meisten Peruaner fast einen Kopf kleiner wie ich! Der Reisebürobesitzer ist wirklich hilfsbereit und zieht mit mir erfolglos von Laden zu Laden. Zwischendurch gehen wir zusammen Werbematerial für ihn bestellen und auf ein spätes Mittagessen, ehe er mich in einem Markt mit weiteren 20 Schuhhändlern ablädt. Dort werde ich dann endlich fündig!


Suri Alpaca

Donnerstag, 16. Oktober

Wieder einmal verbringe ich in den Vormittag ‚arbeitend‘. Die Beschäftigung mit meinem Portfolio ist bei diesen Weltbörsen nicht gerade die schönste Arbeit! Nach einem leichten Mittagessen auf einer Dachterrasse hoch über Arequipa gehe ich mit den beiden Alläuerinnen am Nachmittag river raften. Nicht ganz so spektakulär wie vor einem Monat in San Gil, aber doch so richtig schön für die Seele. Die Sonne scheint, der Fluss ist eine grüne Oase in der Wüste und es ist einfach friedlich. Der Fluss ist sehr eng, wir stecken das eine oder andere Mal zwischen Felsen fest und rauschen einen drei Meter hohen Wasserfall hinunter (na ja, nicht gerade vertikal!)

Am Abend gehen wir zu dritt fein essen und überspielen Musik von meinem PC auf ihren MP3 Player. Sie haben einen der ihren verloren und haben hier einen neuen gekauft. Doch was ist ein MP3 Player ohne Musik – gut, dass ich meine ganze Musiksammlung auf meinem Laptop habe.


River Rafting

Freitag, 17. Oktober

Ich besuche am Nachmittag ‚Juanita‘, ein Inkamädchen, welches vor 500 Jahren den Berggöttern geopfert wurde und bis vor 10 Jahren im Gipfeleis des Ampat konserviert war. Der Ausbruch des benachbarten Vulkans brachte das Eis zum Schmelzen und gab sie frei. So genau weiss es niemand, aber um die 20 speziell aufgezogegene Jungfrauen wurden in den hundert Jahren Inka-Regentschaft den Berggöttern geopfert. Diese dominierten das Leben der Inkas und wenn sie ihren Unmut mit Vulkanausbrüchen und Erdbeben zum Ausdruck brachten, wurde ein grosses Opfer gebracht. Die Mumie und zahlreiche Opfergaben sind sehr gut erhalten und werden in einem kleinen aber feinen Museum unter schwachem Licht und grosser Kälte (die Mumie selber bei -20°) ausgestellt.


Samstag, 18. Oktober

Ich möchte nochmals einen Berg in Angriff nehmen. Wir fahren mit dem Jeep bis auf 5‘000m und laufen von dort weitere 400m zum Basislager des Chachani, wo wir inmitten eines Felsbruches unsere Zelte errichten. Erstmals erlebe ich die Atmosphäre eines Basislagers in den Bergen. Es ist kalt, ich habe nichts zu lesen und ruhe ich in meinem Zelt oder plaudere im Küchenzelt. Nach einem frühen Nachtessen um 16.00h gehe ich um 18.00h schlafen.


Chachani base camp

Sonntag, 19. Oktober

Als ich um 1.00h aufwache, habe ich Kopfschmerzen, muss mich übergeben und habe eiskalte Füsse. Zudem hatte ich gestern das Gefühl, dass die geliehenen Wanderschuhe an den Achillessehen stark drücken. Ich bin ein wenig im Dilemma – eigentlich würde ich die 10-stündige Gipfelbesteigung gerne in Angriff nehmen. Doch ich möchte den Gipfel in guter Laune und guter Form erreichen, wie ich das im Colca Canyon geschafft habe. Doch das erscheint mir unwahrscheinlich und nach einigem hin und her lasse ich die anderen vier ziehen. Ich bin beileibe nicht der einzige, der unter der Höhe leidet, doch drei der vier anderen erreichen den Gipfel, wenn sie auch sehr geschafft zurück kommen.

Ich schlafe fast bis zum Mittag durch, ehe wir gemeinsam das Lager abbrechen und die lange Fahrt zurück nach Arequipa in Angriff nehmen.


Montag, 20. Oktober

Ich hintersinne mein gestriges Forfait ziemlich stark, überlege ob ich nicht falsche Erwartungen an die Gipfelbesteigung hatte: Ist es als ‚Unterländer‘ nicht vermessen einen 6‘000er besteigen zu wollen ohne zu leiden? Hätte ich meinen inneren Schweinehund nicht mehr überwinden sollen? Fragen, die ich nicht beantworten kann und die sich wohl in der einen oder anderen Form in Zukunft wieder stellen werden.

Geschehen ist geschehen und so reise ich Richtung Puno und dem Titikakasee weiter. Einmal mehr fährt der Bus nicht plangemäss und die Beinfreiheit auf der 6-stündigen Fahrt von Arequipa nach Puno ist auch stark eingeschränkt. Dafür ist die Fahrt über das Hochplateau auf 4‘000 m.ü.M. sehr schön und ich sehe Herden frei grasender Llamas, Alpacas und Vicuñas.


Dienstag, 21. Oktober

Ich gehe auf eine zweitägige Tour auf den Titikakasee, einem der höchstgelegenen befahrbaren Seen der Welt. Die Fahrt geht zuerst zu den Uro Indianern, welche auf 40 schwimmenden Inseln im Titikakasee leben. Es ist ein sehr einfaches Leben, ausser Kochutensilien, Bettdecken und ein, zwei Sätzen Kleidern haben sie keine Besitztümer.


Lake Titikaka floating islands

Der Unterbau der Inseln besteht aus den schwimmenden Wurzelstöcken des Schilfrohrs. Darauf legen die Uros immer wieder neue Lagen Schilfrohr, welches von unten langsam wegrottet. Die Strohhütten sind so leicht, dass sie immer wieder auf die neuen Strohlagen gelegt werden können. Die Uros ernähren sich hauptsächlich vom Fischfang und heute auch (oder vorwiegend) vom Tourismus. Mit dem Geld können sie erstmals ihre Kinder nach Puno in die Schule schicken.

Den Nachmittag verbringe ich auf der Insel Atambi, auf welcher die Leute hauptsächlich von der Landwirtschaft und Tourismus leben. Selber kann man die Inseln nicht bereisen, man muss sich einer der zahlreichen Tourgruppen anschliessen. Die Reiseleiterin ist gut, aber manchmal schon sehr im Verkaufsmodus. Die Nacht verbringe ich bei einer reizenden Familie, wo ich auch gegessen habe.


Lake Titikaka canoes

Mittwoch, 22. Oktober

Nach dem Frühstück geht’s mit dem Boot weiter auf die Nachbarinsel Taquile. Einmal mehr fühle ich mich auf dem Wasser so richtig zu Hause, sicherlich viel mehr als auf den Bergen. Ob das der stärkere Einfluss meines Aszendenten Skorpion, ein Wasserzeichen, über mein Stern- und Erdzeichen Jungfrau ist. Interpretiere ich das jetzt etwas zu einfach? Auf alle Fälle tut mir die Bootsfahrt richtig gut und ich freue mich auf meine Zeit zurück an Bord von Blue Bie.


Valeria - Host in Atambi

Donnerstag/Freitag, 23./24. Oktober

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann die letzte Busfahrt reibungslos verlaufen ist. Doch die heutige schlägt alles: Bauern/Indios blockieren die Strasse auf über 40km immer wieder um im Protest eine bessere Wasserversorgung, einen grösseren Anteil an den Minenerträgen und ein Mitspracherecht in der Regierung zu erhalten. Peru ist sehr zentralistisch regiert und die Indios haben keine Vertretung. So sehr ich ihre Position verstehe, so unangenehm macht es die Fahrt: Erst geht es mit drei Stunden Verspätung los, dann müssen wir vor einer Strassenblockade bei 5° im Bus übernachten. Um 5.00h marschiere ich los, denn es gibt keine Anzeichen auf ein Ende der Blockade. Bis zur Blockade sind es eine halbe Stunde und danach sind es nochmals eine halbe Stunde in das nächste Dorf. Doch dort ist das ganze nicht vorbei, es beginnt erst so richtig.

Während 6 Stunden marschiere ich von Blockade zu Blockade und kann immer wieder einmal irgendwo mitfahren: in einem Privatauto, Minibus, Taxi oder auf einem Viehlastwagen. Hunderte Leute sind unterwegs und balgen sich fast um die wenigen Transportmöglichkeiten. Erstmals bin ich richtig froh, eine Rollentasche und nicht einen Rucksack mitgenommen zu haben, denn diese lässt sich auf der Strasse doch sehr angenehm ziehen. Nach 30 Stunden komme ich endlich in Cusco an. Von anderen Reisenden höre ich später, dass sie drei Nächte im Bus aushalten mussten, ehe sie weiter fahren konnten.


Road blockage

Samstag, 25. Oktober

Cusco zieht mich sofort in seinen Bann. Eine wunderschöne und gut erhaltene Kolonialstadt deren Zentrum voll auf den Tourismus ausgerichtet sind. Der nahegelegene Machu Pichu zieht unglaublich viele Touristen an und es hat hunderte (!) Reisebüros die verschiedene Touren in die Umgebung und zum Machu Picchu anbieten. Ich erkundige mich und versuche mein Programm für die nächsten Wochen zusammenzustellen. Zuerst einmal treffe ich eine Negativentscheidung: Ich werde nicht nach Bolivien fahren, da die Hauptattraktionen im Süden des Landes sind und die Fahrzeiten für die kurze Zeit die ich zur Verfügung habe unverhältnismässig sind.

Neben schöner Architektur bietet Cusco auch jede Menge hübsche Cafés und bei so viel Denkarbeit dürfen die Kaffeepausen und ein gutes Buch nicht zu kurz kommen. Zudem kommt das ganz hervorragende dunkle Bier ‚Cusqueña Negra‘ aus Cusco und ich lasse mich nicht zweimal bitten!


Sonntag, 26. Oktober

Hoch über dem Hauptplatz frühstücke ich mit den beiden Allgäuer Lehrerinnen, die ich in den letzten Tagen immer wieder getroffen habe. Wir haben besten Ausblick auf ein sich jeden Sonntag wiederholendes Spektaktel: Vor der Kathedrale marschieren und musizieren verschiedene Gruppen von Kindern, Soldaten, Nonnen und Bürgern.

Cusco war die Hauptstadt des Inka-Reiches (Machu Picchu war ‚nur‘ eine wichtige Tempelanlage), dessen Herrschaft gerade einmal 100 Jahre dauerte, bevor die Spanier Südamerika eroberten. Das Cusco der Kolonialzeit wurde auf den Ruinen der Inkapaläste und -gebäude gebaut. Im Gegensatz zu den anderen südamerikanischen Städten sind die Strassen deshalb nicht schachbrettartig angelegt und enge verwinkelte Gassen geben überraschend den Blick frei auf grosse Plätze und breite Alleen. Über der Stadt stehen die Ruinen der eindrücklichen Verteidigungsanlage ‚Saqsaywaman‘. Die Mauern bestehen aus meterhohen Steinquadern, welche millimetergenau zugehauen wurden – besonders eindrücklich wenn man bedenkt, dass die Inkas nur Steinwerkzeuge zum Bau zur Verfügung hatten. Die Steinquader haben sie mit viel Manneskraft auf Steinrollen und –kugeln aus den Steinbrüchen zur Festung transportier. Über 20‘000 Arbeiter haben während 77 Jahren an der Anlage gebaut.


Saqsaywaman

Montag, 27. Oktober

Ich will endlich wissen, wie gut meine Augenoperation gelungen ist und gehe zu einem Optiker. Das linke Auge erscheint mir perfekt um 1.5 Dioptrien auf die wohl bald einsetzende Altersfehlsichtigkeit vorkorrigiert, das rechte Auge hat noch immer eine kleine Hornhautverkrümmung von 0.75 Dioptrien. Nicht schlecht, aber nicht perfekt, denn mit den Testgläsern sehe ich doch deutlich klarer. Den Nachmittag verbringe ich auf einer Stadtrundfahrt, besichtige weitere Sehenswürdigkeiten in und um Cusco und lerne mehr über die Inka-Kultur und die spanische Eroberung. Das Dominikanerkloster wurde auf den Inka-Mond- und Sonnentempel gebaut. Letztere wurden von den Inkas in perfekter Steinhauertechnik gebaut, mit kaum einem Millimeter Spaltmass zwischen den Steinen. Die Spanier rissen den Sonnentempel ein, um aus den Steinen ihre ‚besseren‘ Kirche mit einem Spaltmass von 20cm und viel Mörtel zu bauen, mit der Begründung dass die Inkas weder lesen und schreiben. Das Resultat ist augenfällig: Nach zwei grossen Erdbeben stehen die Inkabauwerke noch, die Klosterkirche ist eingestürzt. Ebenso sehe ich einen Inka Wach- und Läuferwechselposten. Da die Inkas weder Pferd noch Ochs kannten, haben sie Läufer eingesetzt um Meldungen über das mehrere tausend Kilometer grosse Reich zu verbreiten. Diese rannten jeweils 15km von einem Posten zum nächsten, wo sie vom nächsten Läufer abgelöst wurden. Dieselbe Technik wurde angewandt um frischen Fisch 500km vom Meer nach Cusco zu transportieren!


Inca and colonial architecture

Dienstag, 28. Oktober

Nach einem gemütlichen Frühstück fahre ich mit den Allgäuer Lehrerinnen im Taxi nach Pisaq, im heiligen Tal der Inkas. Es ist ein kleines Dorf mit 2‘000 Einwohnern, in welches Horden von Touristen einfallen um die Inka-Ruinen zu betrachten. Die meisten kommen in einer Tagestour, auf welcher sie 4 verschiedene Dörfer und Ruinen betrachten. Wir lassen uns mehr Zeit, besichtigen in 4 Tagen zwei Dörfer. So schlendere ich über den Markt und trinke eine 5 o’clock Schokolade in Ulrike‘s psychodelischen Café.


Pisaq market

Plötzlich scheint alle Hektik von mir ab- und ich in eine unendliche Ruhe zu verfallen. Ebenso spüre ich wie hektisch (ich) die letzten Wochen waren. Kein Vergleich zur Ruhe an Bord von Blue Bie, wo ich immer wieder Zeit für mich nehme und habe. Ich bin immer unterwegs von Attraktion zu Attraktion. Im Café haben sie ein Tarot-Karten Set mit Anleitung und erstmals lege ich für mich Tarot-Karten. Ich habe Zukunftsleserei erwartet, stattdessen finde ich meditative Gedanken Überlegungen, die mich auf Anhieb faszinieren! Das werde ich bei Gelegenheit einmal noch genauer studieren.


Ulrike's café

Mittwoch, 29. Oktober

Einmal mehr bin ich um 6.00h auf. Die Morgendämmerung beginnt bereits um 5.00h und so habe ich vor dem Frühstück jeweils jede Menge Zeit zum Lesen und Tagebuch zu schreiben oder wie heute den Marktleuten beim Aufbau ihrer Stände zuzuschauen.


Preparing the market

Nach dem Frühstück besichtige ich die Ruinen von Pisaq, einer ehemaligen Tempelanlage hoch über dem Tal von Pisaq. Ich lerne nicht viel Neues, auch wenn ich dem einen oder anderen Tourguide zuhöre. Man weiss einiges über die Bauwerke der Inkas, aufgrund fehlender schriftlicher Überlieferungen jedoch nur wenig über ihr Leben und so sind die Führungen nur mässig informativ.


Local tourist

Donnerstag, 30. Oktober

Die Sonne lacht schon früh vom Himmel und so kann ich draussen frühstücken. Neben mir nehmen zwei Radfahrer Platz – Vero und Christian aus Thun sind zwei Jahre mit dem Fahrrad Richtung Westen unterwegs sind. Er ist ehemaliger Berufsseemann und CCS Skipper und so kommen wir schnell in‘s Gespräch. Sie werden nächsten Sommer auch im Pazifik sein – es wäre noch spannend uns dann wieder zu sehen.

Mit Bus, Minibus und Kollektivtaxi fahre ich nach Ollantaytambo. Es ist wie Pisaq ein kleines touristisches Dorf, welches von Touristenstrom zu seiner Inka-Ruine lebt. So langsam, aber sicher habe ich genug ‚Steinhaufen‘ gesehen und freue mich auf die sportliche Betätigung nächste Woche.


Ollantaytambo

Freitag, 31. Oktober

Meine Ruinenmüdigkeit ist schon so gross, dass ich mit dem Eintrittsbillett in der Tasche an den Ruinen und der Kirche von Chinchero vorbeifahre. In Cusco angekommen, kann ich wider Erwarten einen Termin beim Optiker in Cartagena bereits nächste Woche organisieren, so dass ich direkt nach meiner Machu Pichu Tour von Cusco nach Cartagena fliegen werde.

Am Nachmittag besichtige ich die Compañon de Jesus Kirche mehr zufällig, weil die Türe gerade offensteht. Ich habe noch nie einen so oppulenten Altar gesehen: Er ist mehr als 10m breit und 20m hoch, vollständig mit Gold ausgeschlagen und mit Dutzenden goldenen Statuen, Säulen und Bildern geschmückt. Keine Frage, wo ein Teil des Inka-Goldes geblieben ist. Dafür hat es in der ganzen Kirche keine Orgel!

Der Abend ist zum Vergessen: Zuerst stürzt mein Laptop ab, doch ich kann ihn dank der in Ecuador für USD 2 gekauften Windows Vista CD erstaunlich schnell wiederbeleben. Beim Wiederbeleben sehe ich, ich dass das kolombianische Online-Reisebüro meine Kreditkarte nicht akzeptiert hat und den Flug nicht bestätigt hat. Die nächsten zwei Online-Reisebüros bieten zwar Flüge an, aber sie sind nicht buchbar. Im vierten Anlauf klappt es dann endlich – so hoffe ich wenigstens! Dabei ist doch heute Halloween und ganz Cusco ist auf den Beinen. Egal, ich lege mich schlafen.


Samstag, 1. November

Es ist eine grosse Gruppe von 12 Reisenden, die sich gemeinsam auf den viertägigen Trek zum Machu Pichu aufmachen. Wie sich im Laufe der nächsten Tage herausstellt bin ich 10-25 Jahre älter als die anderen Teilnehmer; die Väter der beiden jüngsten Teilnehmerinnen sind jünger wie ich! Nach einer Busfahrt auf 4‘300 m.ü.M. geht es mit dem Bike zuerst rasant über eine Asphaltstrasse und später sehr unkomfortabel auf einem holprigen Feldweg talwärts. Sollte ich jemals überlegen, aus Gewichtsgründen ein Hardtail anstelle eines vollgefederten Fahrrades zu kaufen, sollen mich diese Zeilen daran erinnern, dies nie zu tun!

Mit jedem Meter Abfahrt steigt die Temperatur. Wintermütze und Handschuhe verschwinden in der Tasche und als ich in Santa Maria (2‘000 m.ü.M.) in’s Bett gehe, brauche ich erstmals seit Wochen keine Bettdecke.


Sonntag, 2. November

Zu Fuss geht es in 7 Stunden von Santa Maria nach Santa Teresa. Erstmals in meinem Leben sehe ich Koka-Pflanzen wachsen. Ihre Blätter enthalten mehr als 20 verschiedene Alkaloide wie Koffein und Nikotin und werden hier seit Jahrhunderten gekaut und als Tee gebraut. Die meisten Blätter werden auf den Markt in Cusco verkauft, doch einige finden den Weg zu Laboratorien, wo aus jeweils 2 kg Blätter 1g Koks hergestellt wird.


Coca plant

Gegen Abend überqueren wir in einer handgezogenen Seilbahn den Urubamba Fluss, lassen unsere Füsse im Heilbad von Santa Teresa baumeln und unsere Mägen von der Köchin verwöhnen. Dieselbe Köchen die uns mittags schon verwöhnt hat und so rasch zu Fuss das Restaurant gewechselt und gekocht hat!


Baños in Santa Teresa

Montag, 3. November

Zu Fuss gehen wir auf Bahngeleisen nach Aguas Caliente weiter – gut, dass die Züge so selten fahren. Aguas Caliente liegt am Fuss vom Machu Pichu und ist hundertprozentig auf Touristen ausgelegt. Es ist zwar nicht so hässlich wie der Reiseführer stipuliert, doch wirklich viel zu bieten hat es nicht.

So mache ich mich mit vier anderen Gruppenteilnehmern auf, den Putukusi zu besteigen. Nach 700m Aufstieg haben wir eine wunderbare Aussicht auf die gegenüberliegenden Machu Picchu Ruinen. Auf dem Rückweg holt uns der im wahrsten Sinn des Wortes alltägliche Regen ein. Nur mit T-Shirts bekleidet eilen wir nach unten, doch glücklicherweise ist es nicht allzu kalt.


Zum Putukusi

Dienstag, 4. November

Heute ist es endlich so weit und wir beginnen bereits um 4.30h den 500m Aufstieg zu Ruinen von Machu Picchu. Oben angekommen, werden die ersten Touristen von den Busen angeliefert. Ich bin den ganzen Tag hin- und hergerissen zwischen der Faszination von Machu Picchu und dem übertriebenen Kommerzialismus. Über USD 100 kosten der Eintritt, die Bahnfahrt (es hat keine Strassen nach Aguas Caliente!) und die Fahrt mit dem Bus zum Machu Picchu – unverhältnismässig viel für Peru, doch alles ist in der Hand des Staates.


Machu Picchu

Machu Picchu war eine Tempel- und Wohnanlage für rund 500 geistliche und weltliche Führer der Inkas. Die Spanier haben alle Information über die Kulur der Inkas zerstört und so bleibt die Bewunderung über die Architektur und der Lage dieser Anlage, hoch über dem Urubambatal. Besonders beeindruckt hat mich die Lage des Sonnentempels, der bei Wintersonnenwende vom ersten Sonnenstrahl durch das Sonnentor fällt, getroffen wird. Schon die Inkas haben die Kraft dieses Ortes gespürt und auch ich kann sie deutlich spüren.


Chinchilla

Nach einer zweistündigen Führung mache ich es mir mit einem anderen Schweizer auf den warmen Steinen hoch über den Ruinen gemütlich, lasse mich von der Energie durchdringen, schlafe ein wenig und philosophiere über Gott und die Welt. Heute streikt die Bahn und es hat anstatt tausender bloss ein paar hundert Touristen auf dem Machu Picchu. Es ist unglaublich ruhig und die Stimmung wird für einmal der Erhabenheit von Machu Picchu gerecht. Wegen dem Streik müssen wir zwei Stunden entlang der Schienen bis zur Strasse zurücklaufen und mit dem Bus einen grossen Umweg nach Cusco fahren. Nach über 12 Stunden komme ich gegen 1.00h morgens in Cusco an, wo sie meine Zimmerreservation trotz ausgebuchtem Hotel für mich gehalten haben.


Machu Picchu ruins

Mittwoch, 5. November

Nach einer kurzen Nacht stehe ich schon gegen 5 Uhr auf, um auch ja 2 Stunden vor Abflug am Flughafen zu sein. Hätte mir das jemand vor 3 Jahren gesagt, hätte ich ihn ausgelacht. Gute 2 Stunden vor dem Flug bin ich als erster am Check-in Schalter und für den Rest der drei Flüge von Cusco über Lima, Bogota nach Cartagena geht alles wie am Schnürchen. In Bogota kann ich sogar gratis auf einen früheren Flieger umbuchen.

Es ist Mittwoch und ich gehe zum Club Nautico in die Happy Hour. Nach Monaten um junge Backpacker sehe ich nur noch silbergraue Haare! Die meisten Segler, die vor zwei Monaten hier waren, sind weiter gezogen, doch den einen oder anderen kenne ich schon noch. Dafür erscheinen mir die kolombianischen Frauen nach den doch eher grobschlächtigen Indiofrauen ausgesprochen hübsch. Kein Wunder, dass sich der eine oder andere Segler hier verliebt.


Donnerstag 6. - Sonntag, 8. November

Es sind ausgefüllte Tage in Cartagena. Der Termin beim Augenoptiker zeigt, dass meine Sehkraft gut, wenn auch nicht perfekt, ist und eine Nachoperation keine Verbesserung der Sehkraft ergeben würde. Auch ein Besuch an Bord von Blue Bie zeigt ein gutes Bild. Sie ist in einem guten Zustand und dank Nila’s Einsatz vor einem Monat ist sie innen sauber, zeigt keine Schimmelspuren und die wenigen Kakerlaken an Bord sind tod. Sicherheitshalber sprühe ich die Kästen nochmals mit Insektenvertilgungsmittel aus.

So gibt es in Cartagena nichts für mich zu tun und ich buche den Flug für meine Weihnachtsferien in der Schweiz – da geht schnell einmal ein Tag drauf. Zudem beginne ich meine Reise durch den Pazifik zu Faden zu schlagen. In einem Ozean der die halbe Welt bedeckt, gibt es viele Optionen. Mit meinem Laptop und Jimmy Cornell’s Buch „World Cruising Routes“ habe ich die wichtigsten Informationen dabei. Doch alle Technik bewahrt mich nicht davor, mich in den Strassen der Altstadt von Cartagena immer wieder zu verlaufen:) Cartagena ist normalerweise eine festfreudige Stadt. Diese Woche wird das Stadtjubiläum mit Paraden und Karneval gefeiert und die Miss Kolumbienwahlen finden statt. Die ganze Stadt steht Kopf und ein Fest reiht sich an das andere. Mir ist alles zu laut und ich bevorzuge eine ruhige Ecke und ein gutes Buch.


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