Tobago - Trinidad

Etappe auf Google Earth


Freitag, 7. Dezember

Erstmals seit mehr einer Woche hat es wieder Wind zum Kiten. Die Windrichtung ist auch ideal und ich spiele den ganzen Tag in den Brandungswellen, reisse auf dem Wellenkamm das Brett herum, um die Welle hinunter zu gleiten und unten einen grossen weiten Bogen zurück zur Welle zu fahren um dann wieder von vorne zu beginnen. Nicht ganz einfach, denn ich muss den Kite im Rhythmus fliegen, doch wenn es passt schaffe ich auf derselben Welle einige Kurven.

Am Abend gehen Roland und ich zu einer neu eröffneten Bar, wo eine lokale Trommlergruppe ihren Wurzeln entsprechend afrikanische Rhythmen spielt. Sie spielen wirklich gut, der Rhythmus reisst mich mit und ich freue mich eines Tages mit Blue Bie Afrika zu erkunden.


Samstag, 8. Dezember

Ich installiere den reparierten Alternator ein und er funktioniert einwandfrei. Eine Pendenz mehr erledigt! Zwischen zwei Regenschauern fahre ich zu Roland und schwatze mit ihm einige Stunden.

Am Abend beginne ich das Motorenelektrik Schema der Blue Bie auf dem PC zu zeichnen. Doch nach zwei Stunden muss ich aufhören, denn mir wird schlecht. Seekrank! Vor Anker!! Es ist wirklich ein unruhiger Ankerplatz und die Einrumpfboote trifft es noch härter. Weiter im Luv, hinter dem Riff wäre es zwar ruhiger, aber dort habe ich keinen WiFi Zugang. Da muss ich Prioritäten setzen;)


Sonntag, 9. Dezember

Schon wieder kein Wind. Ich schlafe aus, lese, faulenze und schiebe meine Aufgaben ein wenig vor mir her. Gegen Mittag funkt Roland, der näher beim Kitespot ankert, dass es Wind hat. So erledige ich erst, was ich mir vorgenommen habe, packe meinen Kite und fahre mit dem Dinghi an den Kitestrand. Bis ich ankomme, regnet es und ich verbringe den ganzen Nachmittag an der Kitestation am Plaudern.

Dann ist es Zeit für die Sunday School – Sonntagsschule! Nicht ganz wie zu Hause, denn es ist die Wochenendschlussparty im benachbarten Bucco - ab 19.00h Steelbandmusik und ab 22.00h Disco. Jedermann spricht davon und man könnte meinen, alle 50'000 Einwohner Tobago’s treffen sich dort. Doch weit gefehlt, es sind wohl kaum mehr als zweihundert Leute, die sich dort treffen. Auch die nach Tobago ausgewanderten Europäer treffen sich und frönen ihrer Leidenschaft: Party und Alkohol.


Sunday school

Montag, 10. Dezember

Für heute ist kein Wind zum Kiten angesagt und für einmal ist die Vorhersage leider richtig. So werkle ich ein wenig an der Blue Bie und lese. Bald ist meine Pendenzenliste abgearbeitet, doch an einem Tag wie dem heutigen wird sie länger: Ich will die Ruderanlage demontieren, fetten und wieder montieren. Dabei fällt mir eine Mutter in das Wasser. Da es ein spezielles Gewinde ist, hole ich die Tauchausrüstung und tauche nach ihr. Doch ich finde die Mutter nicht, bemerke aber, dass die Tauchweste von der Flasche langsam aufgeblasen wird. Eine Pendenz erledigt – zwei neue geschaffen!

Auf dem Weg zum Nachtessen will ich kurz bei Eva und Wolfgang Hallo sagen gehen, zwei Lehrern aus Wien die mit einem Wharram Katamaran auf einer Dreijahresrunde um die Welt sind (http://www.sleipnir2.at/). Aus einem Hallo wird eine Einladung auf ein Glaserl Wein und einer kalten Platte zum Nachtessen:)


Dienstag, 11. Dezember

Ich repariere provisorisch die Ruderanlage und gehe anschliessend an den Strand zum Kiten. Doch so richtig Wind kommt keiner auf. Ich bin zwar ein wenig auf dem Wasser, verbringe aber wesentlich mehr Zeit mit einem Buch am Strand. Ich denke viel über meine nächsten Schritte nach. Obwohl meine Route gut in meinen Gedanken verankert ist, gefällt es mir sehr gut auf Tobago und es ist mir die letzten Wochen einige Male der Gedanke gekommen, ein halbes Jahr hier zu bleiben. Es ist schön zum Kiten, das Essen ist super und auch der Kontakt zu den Leuten auf der Insel ist besser als auf anderen Inseln. Obwohl es nichts miteinander zu tun hat, verknüpfe ich meinen Gedanken ein halbes Jahr hier zu bleiben mit der Lebensfreude der zugewanderten Leute auf der Insel. Ich sehe wie sie keinen Lebenssinn zu haben scheinen und dem Alkohol verfallen. Sicher gibt es viele, die nicht Alkoholiker werden, doch diese sehe ich nicht! So möchte ich nicht enden. Da kommt das Mail eines Freundes genau zur rechten Zeit „Stillstand bedeutet Rückschritt“. Wie wahr!

Am Abend gehen Roland und ich eine Pizza essen. Ein Italiener hat sich hier niedergelassen und es gibt feinste Holzofenpizza mit einem hauchdünnen superknusprigen Boden und Parmaschinken. Diesen habe ich auf der ganzen Insel noch nicht gesehen.


Mittwoch, 12. Dezember

So ganz ist die Regenzeit nicht vorbei und es hat die ganze Nacht durchgeregnet. Der verspätete tropische Sturm bei Puerto Rico wird eine grosse Dünung (3-4m) über die ganze Karibikkette senden und ein Wolkenband von Guyana bis Martinique wird anhaltenden Regen bringen. Yachtsegler fragen in den Funknetzen, ob ihr Ankerplatz sicher ist. Wolfgang kommt vorbei und wir schauen uns im Internet die Vorhersagen an. So zahlt sich mein Ankerplatz weiter draussen, dafür in der Nähe des Hotels mit WiFi aus. Es könnte die nächsten Tage zwar unruhig werden und das Anlanden des Dinghi könnte schwierig werden, aber der Ankerplatz scheint sicher. Zum Glück konnte das Hochzeitspaar ihre Trauung verschieben. Unter regentriefenden Palmen zu heiraten wäre doch eine triste Angelegenheit geworden.

Trotz Dauerregen gehe ich am Mittag an den Strand zum Kiten. Doch der vorhergesagte Wind setzt sich nicht so richtig durch und wir stehen und sitzen alle in der Windsurfstation. Wir Segler sind dort sehr freundlich aufgenommen, obwohl wir keine zahlenden Gäste sind. Am Abend kommen Eva und Wolfgang vorbei und wir trinken eine Flasche Wein miteinander.


Villa Kunterbunt am Dinghistrand

Donnerstag, 13. Dezember

Was für ein Schrotttag! Der Wind ist die ganze Zeit megaböig und ist im besten Fall gut genug, um hin und her zu fahren. Zum Trainieren taugt er überhaupt nichts. So bin ich kite-technisch nach einigen Tagen ohne Wind und heute mit schlechtem Wind doch eher frustriert. Umso schlimmer, dass der Wetterbericht guten Wind prognostiziert hätte! Trotzdem bin ich so müde, dass ich um 19.00h ohne Nachtessen einschlafe:)


Freitag, 14. Dezember

Der Wind ist am Morgen wieder gleich böig wie gestern. Doch am Nachmittag wird er erstmals besser und ich fühle erste Fortschritte beim Kiten.

Am Abend gehe ich mit Eva und Wolfgang in das Crown Point Hotel, wo wir wieder einmal eine schnelle WiFi Verbindung geniessen. Zum Glück haben wir unsere Laptops gut eingepackt: Sie werden beim Landen von einer Welle erfasst und ganz schön durchgespült! Wir haben es sehr gut miteinander und wir werden uns hoffentlich noch einige Male sehen, da wir während den nächsten Monaten eine ähnliche Route planen.


Samstag, 15. Dezember

Erstmals seit mehr als einer Woche begrüsst mich die Sonne beim Aufstehen. Der heutige Tag ist ein Traumtag für die Hochzeit von Gabi und Ralph: Die Sonne strahlt und der Wind bläst, so dass Ralph vor der Trauung noch ein paar Stunden surfen kann. Ich lasse mir das Kiten auch nicht nehmen. Gegen Mittag bläst der Wind mit 25kn, so dass ein kleinerer Kite angesagt wäre. Doch meiner ist auf dem Boot und so lasse ich die stärksten Böen durchgehen, ehe ich nochmals hinausgehe. Ich bin noch immer überpowert und müde vom Vormittag. So höre ich auf, schmücke die Blue Bie mit ein paar Palmwedeln und gehe an die Hochzeit. Ich habe mich richtig gekleidet: Die ganze Hochzeitgesellschaft erscheint in weiss!


Wedding ceremony

Nach dem Apéro segeln wir mit der Blue Bie zwei Stunden in den Sonnenuntergang. Zum Glück habe ich im Voraus Seekrankheitsmedikamente verteilt – so konnte ich schlimmeres verhindern und alle haben den Törn genossen. Vor Anker geniessen wir ein letztes Bier und ich gebe der Gesellschaft noch ein Alphornständchen.

Ich bin heute Abend das erste Mal seit langem wieder so richtig glücklich und entspannt. Liegt es daran, dass ich mich entschieden habe, weiter zu fahren oder daran, dass ich gemerkt habe, dass ich vor lauter Aktivitäten und Leute zuwenig Zeit für mich selber habe? Vorerst egal, ich geniesse den Sternenhimmel über Blue Bie!


Bride & groom

Sonntag, 16. Dezember

Die Nachbarschaft unter den Seglern ist schon herrlich. Liegt das daran, dass man sich einlassen kann ohne Angst haben zu müssen, dass man nicht wegziehen kann, wenn es zu viel wird? Wie schon einige Male gehe ich bei Michael und Mary einen Morgenkaffee trinken. Wann immer ich mit dem Dinghi vorbeifahre rufen sie mir zu, dass sie frischen Kaffee aufgesetzt haben. Wer kann da schon nein sagen? Sie sind mit ihrer 18 Monate alten Tochter Ali und Nanny/Crew Beth unterwegs. Einmal mehr hat es nur am Morgen Wind zum Kitesurfen.

Wie jeden Sonntagabend treffen sich alle an Bago’s Strandbar; Locals, ausgewanderte Europäer, Touristen und Segler. Mir fällt auf, wie viele Leute ich bereits kenne und ich geniesse einen gemütlichen Abend im Kreis von Freunden. Erst spielt jemand Steelpan und nachher gibt es Discomusik. Publikumsgerecht läuft alles von Abba bis Queen. Doch mir liegt das Tanzen noch immer nicht! Es ist beste Unterhaltung zu sehen, wer mit wem und was, umso mehr da ich doch den einen oder anderen mit seinen Marotten kenne!


Montag, 17. Dezember

Der Wind ist wieder einmal nur am Morgen gut und ich bin dank dem Wecker früh am Kiten. Es sind immer die gleichen Leute am Kiten: Roland & Michael, Max, ein Deutscher, der hier seit einigen Jahren lebt, sowie Thomas, der Surflehrer. Abgesehen von uns ist die Surfstation so gut wie ausgestorben.

Was würde ich ohne Roland machen? Heute hilft er mir meine Tauchausrüstung zu zerlegen und das Leck zu suchen. Wir werden fündig, doch können es nicht selbst reparieren: Doch immerhin war der Hersteller so schlau, ein Standardautoschlauchventil einzubauen, so dass ich in einer Garage Ersatz suchen kann.

Am Abend helfe ich Eva und Wolfgang ihre GPS Maus in Betrieb zu nehmen und (erfolglos) eine Winsch zu reparieren und bleibe gleich zum Essen.


Dienstag, 18. Dezember

Beim Aufstehen scheint noch die Sonne, doch es ist bald vorbei mit der Herrlichkeit und es regnet mehr oder weniger den ganzen Tag. So kann ich meine Muskeln Entspannung gönnen, die Küche herausputzen, Tagebuch schreiben und auf Eva und Wolfgang’s Laptop die GPS Maus installieren. Die Software ist ziemlich widerspenstig, doch mein Ehrgeiz ist angestachelt, nachdem sich einige andere vergebens darum bemüht haben. Und siehe da, nach ein paar Stunden knobeln kriege ich sie zum Laufen.

Abends laden sie mich ganz fein zum Essen ein. Wie so häufig kommt die Diskussion auf das Essen und Rezepte. Als ich Fisch in Salzkruste erwähne, meinen alle, ich sei ein Gourmetkoch. Wenn die wüssten! Doch wir verabreden uns zu viert, gemeinsam zu kochen – jeder macht einen Teil. Schnell ist das Menu zusammen: Eva schlägt einen Kuchen vor, ich eine Rösti und Pia wird Geschnetzeltes machen. Pia hat mit gut 50 Jahren zwei Jahre Auszeit genommen und ist Segeltramperin, d.h. hangelt sich von Boot zu Boot und segelt so um die Welt – mutig!


Mittwoch, 19. Dezember

Mein Frühstücksrepertoire wird kontinuierlich grösser: Ich habe jetzt auch pochierte Eier auf Toastbrot in das Repertoire aufgenommen. Der Regen hat zwar über Nacht weitgehend aufgehört, doch wirklich gut ist das Wetter nicht. So mache ich Erledigungen: Gehe zur Bank, wechsle in der Garage das Ventil der Tauchflasche und bringe wieder einmal die Wäsche. Als ich die Tauchflasche montieren will, merke ich dass das Ventil nicht passt. So wird nichts aus dem geplanten Tauchgang mit Eva und Wolfgang.


Donnerstag, 20. Dezember

Man könnte ja meinen, ich habe jede Zeit der Welt, doch mit ausschlafen, frühstücken, kiten, lesen, plaudern, mit Freunden essen gehen, Tagebuch schreiben, Software installieren, Hochzeitsausfahrt, etc. geht die Zeit wie im Flug vorbei. So kürze ich den Tag am Strand ab und bleibe den ganzen Nachmittag und Abend bewusst auf der Blue Bie um Zeit für mich zu haben.

Dank dem Regenwetter sind meine Wassertanks übervoll, dafür habe ich aufgrund des fehlenden Sonnenscheins der letzten Wochen wenig Solarstrom und deshalb recht leere Batterien. Der Strom reicht so knapp für den Notbetrieb des Kühlschranks. Ich könnte zwar die Motoren laufen lassen um Strom zu machen, aber das passt mir nicht und so habe ich nur geringe Vorräte an Bord, da ich jeden Tag einkaufen gehen kann.


Freitag, 21. Dezember

Heute ist wieder ein guter Kitetag und ich geniesse die Zeit auf und am Wasser. Abends gehen Eva, Wolfgang und ich zu Pia, wo wir Geschnetzeltes mit Rösti kochen, ergänzt mit einem feinem Schokoladekuchen, Piña Colada, Weisswein und Rum.


Cooking with Eva, Wolfgang und Pia

Ohne uns selber loben zu wollen, aber es hat wunderbar geschmeckt. So gut, dass Eva und ich uns anschliessend ein wenig auf das Ohr legen musste!


After a fine dinner

Samstag, 22. Dezember

Endlich wieder einmal ein richtig strahlender Tag – es braucht nicht viel und alle sind glücklich. Nur der Wind ist zu schwach zum Kitesurfen. Doch ich vermisse es gar nicht, ich habe genug gekitet die letzten Tage.


Tropical seasons greeting

Sonntag, 23. Dezember

Ich bin fast den ganzen Tag am Lesen und Plaudern - auf anderen Booten, am Strand und abends an der Beachbar, wo die erste Weihnachtsparty des Jahres steigt. Einmal mehr treffen sich die bekannten Gesichter. Die Seglerszene ist auf Tobago so klein, dass fast alle auf einem Bild Platz haben (von links: Mary & Michael, Evi, Pia & Wolfgang, Courtney) und sich alle gegenseitig kennen. So gross ist die Party nicht und um 22.00h werden die Bürgersteige hochgeklappt.


Christmas at Bago's

Montag, 24. Dezember

Ich gehe am Morgen nach Scarborough ausklarieren – ein deutsches Seglerpaar nimmt mich in ihrem Mietwagen mit. Die Beamten sind megastur. Um von Tobago nach Trinidad zu fahren, muss ich mich hier abmelden und anderntags in Trinidad anmelden, obwohl es im gleichen Land ist! In Trinidad muss ich erst noch direkt an das anderen Ende der Insel fahren um einzuklarieren; es ist mir nicht erlaubt unterwegs in einer Ankerbucht anzuhalten. Ich melde mich trotzdem ab – auf das Risiko hin einen Verweis zu erhalten, schliesslich will ich ja erst übermorgen fahren, aber nicht die Überzeitgebühr von 50 USD bezahlen.


Christmas party

Am Nachmittag gehen Eva, Wolfgang und ich an eine Beachparty – ohne zu wissen, dass es eine private Veranstaltung ist. Am Abend gehen wir zusammen in das Coco Café schön essen. So haben wir beides – Karibik-Partystimmung und ein beschauliches Weihnachtsessen. Dazwischen hatte ich einige beschauliche Stunden an Bord, wo ich in aller Ruhe über mein Leben reflektieren und an meine Familie und Freunde denken konnte, wie weit weg sie sich auch immer befinden.


Evi, Wolfgang & Philip

Dienstag, 25. Dezember

Hatte ich Angst, Weihnachten alleine zu verbringen? Ich verwende den grössten Teil des Tages um mich von meinen Freunden in Tobago zu verabschieden. Am Abend lade ich Eva & Wolfgang auf eine mit Käse überbackene Speckrösti ein. Zusammen mit einem Alphornständchen feiern wir einen wunderschönen Schweizerabend – nur der Schnee fehlt!


Alphornständchen

Mittwoch, 26. Dezember

Bereits um 6.00h lichte ich den Anker um nach Trinidad zu segeln. Doch der Tag beginnt schlecht: Bei einer Maschine lässt sich kein Gang mehr einlegen. So fahre ich mit nur einer Maschine los – schliesslich ist Blue Bie ein Segelboot. Unter Grosssegel und Spinnaker mache ich bald gute Fahrt. Als ich den Spi einige Minuten alleine lasse um Logbuch zu führen, wickelt er sich um das Vorstag. Der Alptraum jedes Seglers – erst recht der eines Einhandseglers! Wie soll ich dort hinauf kommen? Die Blase die sich um das Vorstag gewickelt hat, ist mehr als 10m über Deck! Nachdenken hilft und nach einer Viertelstunde kommt mir die Idee, den Spi um sich selber zu wickeln und dann Umdrehung um Umdrehung vom Vorstag zu entwickeln. Eine Stunde später ist es geschafft und der Spi ist auf Deck. Der Wind hat so stark aufgefrischt, dass ich auch unter Genua und Gross platt vor dem Wind 8kn und mit Strom 10kn laufe. Als sich eine Regenböe nähert, reffe ich sicherheitshalber das Gross, doch der Wind legt nicht zu. Doch ich halte mich an das Prinzip: „Wenn du an reffen denkst – reffe!“ Kurz vor Trinidad fange ich eine 80cm lange Dorado. Meine am Flohmarkt in Zürich gekaufte Federwaage zeigt 2.8kg an.


Chaguaramas

In Chaguaramas mache ich an einer Mooringboje fest. Wind und Strömung spielen muntere Spiele, sodass die Bote in alle Richtungen stehen und vor Anker viel Schwojradius benötigen würden. Chaguaramas fühlt sich wie die Simpsoon Bay Lagoon in St. Martin wie ein Bootsfriedhof an. Es scheint als liegen alle Boote seit Jahren hier, es hat hunderte Boote an Land die auf ihre Eigner warten oder verkauft werden sollten und neben den Segelyachten liegen Schlepper, Grossfischerboote und eine Ölplattform. Entgegen meinen Befürchtungen fragen die Zollbeamten beim Einklarieren nicht einmal nach, wieso ich seit dem Ausklarieren in Tobago mehr als zwei Tage hierher gebraucht habe. Auch die fällige Überzeitgebühr wird nicht erhoben. Darauf gönne ich mir ein Bier im nahe gelegenen Restaurant.

Schon beim Einlaufen sehe ich Neil und Tracy, die ich wie der aufmerksame Leser weiss, von Los Nevados in den Bergen Venezuelas kenne. Plötzlich heisst es aus einem Dinghi „Blue Bie? Philip?“ Es sind Jean-Yves und Bernadette aus Tahiti. Sie haben Blue Bie im Auftrag des Voreigners während 5 Monaten (2 unter Segel, 3 vor Anker) von Australien via Cocos-Keeling, Seychellen und dem Roten Meer nach Frankreich überführt. Es gibt ein grosses Hallo und es fühlt sich an als ob wir uns schon seit Jahren gekannt hätten. Es ist nicht ganz Zufall, dass wir uns treffen: Sie überführen eine 20m lange Motoryacht von Spanien nach Tahiti. Wir sind seit einigen Monaten im Kontakt und haben gewusst, dass wir beide voraussichtlich nach Weihnachten in Trinidad sein werden. Die Freude ist trotzdem riesengross und wir geniessen den Abend an Bord „ihrer“ Tigress.


Jean-Yves

Donnerstag, 27. Dezember

Wie geniesse ich es, im Café del Mar wieder einmal so richtig französisch zu frühstücken: Croissant, Espresso und alle Zeit der Welt! Was will ich mehr? Chaguaramas ist der Ort in der südlichen Karibik mit den besten Einkaufsmöglichkeiten für Yachtzubehör. Weil die Einkaufsmöglichkeiten während den nächsten Monaten in der westlichen Karibik doch eher beschränkt sind, ist die Liste lang. Nach einem ersten Einkauf suche ich den Fehler in der Getriebeschaltung. Ich kann ihn in der Schalteinheit finden, in der nach langem Gebrauch das Schmierfett festgehockt ist. Dadurch ist ein Bolzen gebrochen, der dann den Gang endgültig blockiert hat. Den Bolzen kann ich in einem Yachtshop besorgen und nach einer kompletten Zerlegung und Remontage der Schalteinheit, schaltet sie so sanft wie noch nie seit Blue Bie in meiner Obhut ist.

Am Abend gehe ich mit drei französischen Crews zu einem Pot-Luck Dinner: Jeder bringt etwas mit: Ich bringe frischen Dorado-Sashimi mit Soja-Wasabi Sauce und die beiden französischen Frauen bringen je eine Guiche. So schlemmen wir über alle Kulturen hinweg, bis es Zeit zum Tagebuch schreiben und Schlafen ist! Ich bin stolz auf mein Französisch – ich kann der Konversation zum grössten Teil folgen und mich redlich ausdrücken:)


Freitag, 28. Dezember

Nach einem gemütlichen Frühstück im Café del Mar widme ich mich der Steuerbord Getriebeschaltung. Sie funktioniert zwar, läuft aber schwergängig. Gegen Mittag läuft sie so sanft wie die Backbord Einheit. Am Nachmittag gehe ich von Geschäft zu Geschäft kaufe Ersatz- und Verbrauchsteile und jage der Schraubenmutter nach, die ich in Tobago versenkt habe. Am späten Nachmittag frage ich Neil, ob er mit hilft die Schaltung wieder zu montieren. Doch so richtig motiviert ist er nicht und meint: „Wir müssen doch morgen auch noch etwas zu tun haben“! Auch eine Option:) Ich bin so richtig müde, nachdem ich den ganzen Tag aktiv war und die vorhergehende Nacht aus unerfindlichen Gründen kaum geschlafen habe.

Ich gehe früh in das Crews Inn zum Abendessen. Langsam werde ich zu einem richtigen Fischesser: Nach sautierten Pilzen zur Vorspeise esse ich einen Thunfisch mit kreolischen Gewürzen.


Samstag, 29. Dezember

Heute sollte ich die Mutter in einem Geschäft abholen können. Doch der Laden ist geschlossen und ich gehe zu einem nagelneuen Dean-Katamaran unter Schweizer Flagge. Mein „Guete Morge“ wird mit „Do you speak english?“ beantwortet. Der Skipper ist nicht auf dem Boot, nur die Delivery Crew, welche die Yacht von Cape Town hierher gesegelt hat. Ich komme mit der Crew in das Gespräch und gehe anschliessend zurück in das Geschäft. Und tatsächlich, der Ladenbesitzer hat die Mutter. Für Technikfreaks: Eine 3/8 Zoll Feingewinde Mutter. Was hat die auf einem europäischen Boot verloren? Als er mir sagt, dass es diese auch selbstsichernd gibt, warte ich gerne bis Montag um die perfekte Mutter zu erhalten.

Später montieren Nigel und ich die Schaltung und die neuen Genuaumlenkblöcke, die ich von meinen Eltern zm Geburtstag erhalten habe. So geht der Tag im Nu vorbei, wobei ein kleines Nickerchen auf dem Trampolin auch sein mussJ Vor dem Eindunkeln folge ich der Einladung von Ann und Mike, die ich von Tobago kenne, auf ihren Katamaran. Er hat ihn selber gebaut und ist mit 28 Fuss der kleinste Katamaran, auf dem ich je war. Er hat erstaunlich viel Platz und sie sind mit ihm sicher von Europa via Westafrika und Brasilien hierher gesegelt.


Sonntag, 30. Dezember

Man könnte ja meinen, Sonntag in der Karibik ist Dolce Far Niente. Weit gefehlt. Ich habe inoffiziell den Auftrag erhalten eine Silvesterfeier für die anderen Yachten die ich aus Tobago kenne, zu organisieren. Das Silvestermenu im Restaurant erscheint uns allen zu gestopft und so beschliessen wir, gemeinsam auf einer Yacht zu essen. Bis ich das mit diversen Dinghi-Fahrten organisiert habe, ist schon fast der halbe Tag um und ich habe das eine oder andere Bier genossen.


Montag, 31. Dezember

Ein gedrängter Vormittag, da am Mittag alle Geschäfte schliessen: Beim dritten Anlauf erhalte ich die selbstichernden Muttern, nütze den letzten Ausverkaufstag bei einen Yachtausrüster aus und kaufe Lebensmittel für das Silvesteressen: Jeder kocht etwas und bringt etwas mit: So gibt es ein irisches und englisches Poulet, israelischen Gemüsereis, österreichischen Nudelsalat und Kuchen sowie Schweizer Rösti und Brotfrucht. Es war alles lecker, nur mein Versuch an der Brotfrucht war nicht so von Erfolg gekrönt. Doch es hat genug und die Rösti hat allen gemundet!

Den Nachmittag habe ich grösstenteils auf dem Schweizer Kat bei Nila und Larry verbracht. Nila wird den Kat demnächst verlassen, da dieser für mindestens einen Monat wegen Garantiearbeiten an Land muss. Sie sucht einen Platz auf einer Yacht die nach Westen, Richtung Pazifik segelt. Da wir uns sehr sympathisch sind, vereinbaren wir für den nächsten Tag einen Probetörn in die Scotland Bay.


Nila

Dienstag, 1. Januar

Schon wieder ein Jahr um? Ich lebe nun schon 18 Monate an Bord von Blue Bie. Es ist eine fantastische Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Vieles ist so ganz anders gekommen: Ich hatte mit dem alleine unterwegs sein viel weniger Mühe als erwartet. Ich komme gut mit mir alleine zurecht und treffe ich überall spannende Leute. Dafür hatte ich mehr Reparaturen als erwartet. Da war wohl meine Erwartung aufgrund meiner Bodensee-Erfahrung falsch, denn ich habe eher weniger Reparaturen als andere Leute. Zudem kann ich gefühlsmässig immer mehr selber machen und brauche seltener den Mechaniker als anfänglich.

Nachdem ich lange ausgeschlafen habe, hole ich Nila ab und wir lichten den Anker. Es ist schon ungewohnt, das Boot zu zweit zu segeln. Wir verstehen uns gut und ehe wir uns versehen, sind wir bereits in der Scotland Bay. Die Scotland Bay ist ein Naturparadies: Grüne Papageien fliegen von Baum zu Baum und Brüllaffen schwingen laut brüllend von Ast zu Ast und machen ihrem Namen alle Ehre. Ich koche uns Spaghetti Aglio und Olio, ehe wir die absolute Ruhe dieser Traumbucht geniessen.


Scotland Bay

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